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Ukrainische Ostereier

Es ist verstörend, was wir derzeit aus der Ukraine zu hören und zu lesen bekommen. Hört denn das gar nicht mehr auf? Haben die orthodoxen Christen mit Putin denn gar kein Gewissen, nicht einmal zu Ostern, ihrem wichtigsten Fest im Kirchenjahr? Ich möchte im Hinblick auf Ostern von etwas Erfreulicherem aus der Ukraine berichten.

Vor vielen Jahren – es muss Ende der Achtzigerjahre gewesen sein – besuchte ich in der Osterwoche einen Ostereier-Malkurs einer in der Schweiz wohnhaften Ukrainerin. Sie erklärte uns, dass es in der Ukraine zwei Arten Ostereier gebe: die Kraschanky und die Pyssanky. Die Kraschanky wurden gekocht und in nur einer Farbe gefärbt, ursprünglich rot, und sie waren die erste Speise nach der Fastenzeit. Die Pyssanky dagegen wurden aus rohen, befruchteten Eiern hergestellt, sollten sie doch Haus, Hof und Menschen Glück und Fruchtbarkeit im kommenden Jahreslauf bringen. Diese Eier wurden deshalb zuerst im warmen Wasser geprüft, ob ja kein Riss bestehe, den man an Luftbläschen bemerkt hätte; denn dann wären diese Eier nicht haltbar. Wenn sie aber intakt sind, halten sie über Jahre. Der Dotter trocknet langsam aus und wird als Kügelchen beim Bewegen wahrgenommen.

Die Pyssanky wurden mit Wachsreservationstechnik verziert. Mithilfe einer Kista, einem kleinen Metallbehälter mit feinem Ausguss, in die man flüssiges Bienenwachs einfüllte, trug man zuerst die Linien auf das Ei auf, die weiss bleiben sollten. Dann wurde das Ei in ein Bad mit Batikfarbe getaucht, z.B. Gelb oder Rot. Nun kamen die Linien dran, die gelb oder rot werden sollten. Nach dem blauen Farbbad war das Ei meist fertig. Aber es gab natürlich viele Variationsmöglichkeiten.

Die speziellen Muster der Pyssanky hatten meist eine besonder Bedeutung: Die Swastika sollte Leben und Fruchtbarkeit ankurbeln; jungen Burschen wurde ein Ei mit Eichblatt oder Pferd geschenkt, beides Symbole männlicher Lebenskraft, die Grosseltern erhielten eher ein Ei mit einer Himmelsleiter. Ein mit vielen Dreiecken verziertes Ei verhiess Reichtum usw. Die Pyssanky wurden in die Futterkrippe im Stall gelegt, unters Dach, um Blitzeinschlag zu verhindern, ins Bienenhaus für eine gute Honigernte, in die Ackerfurche für eine reiche Weizenernte. Auch Toten wurde ein Pyssanka in den Sarg gelegt und kleinen Patenkindern eines geschenkt zum guten Gedeihen.

Die Kursleiterin kochte für uns am Schluss ein traditionelles Osteressen. Ich erinnere mich nur, dass Fisch und Buchweizen dabei war und am Schluss ein spezieller Osterkuchen ähnlich einem Panetone.

Ich habe keine Ahnung, ob der Brauch der Pyssanky in der heutigen Ukraine noch immer besteht. Die Bücher, welche den Osterbrauch beschreiben, stammen alle von Auswanderen. Ich widme die Pyssanky, die ich besitze, den tapferen Soldaten in der Ukraine und den vielen geflüchteten Menschen. Mögen sie ihnen Gück bringen und das Osterfest ein Ende des Krieges!

Christine Altmann-Glaser, Meilen

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