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Neulich in Meilen: Grüezi

Neulich, als ich wieder an der Bar sass und mein Bier trank, da erzählte ich Jimmy von einer Begebenheit auf dem Chorherrenweg.

Ein kleiner Pimpf fragte seine Mutter: «Warum heisst dieser Weg Grüezi-Weg?» Die Mutter überlegte kurz und kam dann auf den naheliegenden Schluss und sagte: «Weil die Leute sich auf diesem Weg Grüezi sagen sollen.» – «Und warum erzählst du mir das?» fragte Jimmy. «Nun, mir ist dabei aufgefallen, dass wir wahrscheinlich die einzige Gemeinde sind, die solche Grüezi-Wege kennt. Ich finde das gut.» – «Diese Aufforderung kann aber auch bemühend sein», kam es unvermittelt von links. Der Pfarrer, den ich vor kurzem hier kennengelernt hatte, war wieder da und hatte ebenfalls ein Bier vor sich stehen. «Wieso das denn?» fragte ich. «Wenn ich durchs Dorf gehe, muss ich darauf achten, dass ich immer freundlich grüsse. Sonst heisst es schnell: ‘Der Pfarrer grüsst nicht!’» – «Und wo ist das Problem?» – «Wenn ich dann mal das Dorfzentrum verlasse und den wunderbaren Chorherrenweg begehe, werde ich wieder ermahnt, die Menschen zu grüssen. Ich kann nirgends entspannen!»

Ich verstand noch nicht ganz und fragte daher: «Was ist denn am Grüezi-Sagen so stressbehaftet?» – «Ich fühl mich ständig beobachtet.» – «Nun, das könnte doch auch angenehm sein. Im Sinn von: ‘Unentwegt schauen mich Menschen an, die mir wohlgesinnt sind.’» – «Hm, meinst du?» Ich blieb dran. «Heisst es nicht in der Bibel, und bitte korrigiere mich, wenn ich falsch liege, dass der Mensch das Ebenbild Gottes sei?» – «Ja, schon», bestätigte der Herr Pfarrer. Und dann machte es bei ihm klick: «Und wenn ich einen Menschen grüsse, dann grüsse ich jedes Mal das Ebenbild Gottes!» – «Und Gottes Ebenbild grüsst Dich!» ergänzte ich. «Das ist gut, das ist sehr gut! Und weil Gott Liebe ist, schaut mich immer ein liebender Gott durch die Mitmenschen an.»

Ich hielt ihm mein Glas hin und sagte: «Und schon hast du deine nächste Predigt!» Wir stiessen an. «Genau», bestätigte der Pfarrer begeistert. «Ich muss gleich nach Hause und das alles aufschrieben!» Er bezahlte und sauste hinaus. «Ich muss auch», sagte ich und holte mein Geld hervor. «Lass mal», sagte Jimmy. «Er hat für euch beide bezahlt.» – «Na, dann bis nächste Woche!» – «Bis nächste Woche!» rief Jimmy laut, um die Kaffeemaschine zu übertönen.

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