Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen
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Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen

Die Wörter des Tages sind Regen, Freiheit und Frieden

Letzte Woche haben wir von Masha und ihrer Familie berichtet, die aus der Ukraine geflohen sind und in Meilen ein temporäres Zuhause gefunden haben. Inzwischen hat Masha ihre Arbeit angetreten, und die 14-jährige Alina geht in der Allmend zur Schule.

Mittagszeit in Meilen. Tellergeklapper und ukrainische Sätze erfüllen die Küche von Mischa Stöcklin, bei dem die sechs Flüchtlinge aus Schytomyr wohnen. Masha Harkavenko, ihre Schwester Nastia, Mutter Aliona und Tante Zhanna Zinchuk räumen den Geschirrspüler aus. Am Kühlschrank sind mit Klebestreifen lauter Notizzettel befestigt: Darauf das ukrainische Alphabet mit seinen 33 Buchstaben, die Wochentage auf Ukrainisch und Deutsch und ganze Sätze in beiden Sprachen. Ein Zettel ist betitelt mit «Die Wörter des Tages»: Regen (doschtsch), Freiheit (svoboda) und Frieden (myr). Mischa versucht sich engagiert an der Aussprache und wird sehr gelobt.

Grauenvolle Bilder

Die Flüchtlinge haben schwierige Tage hinter sich. Ihr Hauptthema war Butscha. Der Vorort von Kiew ist nur zwei Autostunden von Schytomyr entfernt. Die Bilder des Massakers an Frauen, Kindern, Männern, begangen durch russische Soldaten, sind grauenvoll, eigentlich fast nicht zu ertragen. Doch die Flüchtlinge schauen sie sich an, meistens abends vor dem Schlafengehen, wenn alles im Haus ruhig ist. Die 19-jährige Masha plagt das schlechte Gewissen. «Die Toten könnten auch wir sein», sagt sie. Sie hadert manchmal damit, in der Schweiz in Sicherheit zu sein, während Menschen ermordet werden, «bloss weil sie Ukrainer sind. Wie wir».

«Die schlechten Nachrichten sind immer so viele», Masha zeigt einen imaginären Stapel auf dem Tisch, «und die guten sind nur so viele» – zwei Zentimeter zwischen Daumen und Zeigefinger. Zu den guten gehört, dass die in Schytomyr gebliebenen Männer der Familie noch leben. Ausserdem sollen aus drei kleineren Städten der Oblast (Provinz) die russischen Soldaten verschwunden sein. Gleichzeitig heulen aber in Schytomyr nach wie vor die Sirenen, die vor Bomben warnen, vor allem nachts. Von Freunden, die aus Mariupol stammen, kommen Nachrichten von Tod, Vergewaltigung, Verstümmelung und Kriegsgefangenschaft.

Für Gastgeber Mischa ist die Situation nicht leicht. «Man kann ja nicht den ganzen Tag weinen», sagt er, «auch wenn man es eigentlich möchte» – und manchmal muss. Dafür schliesst er sich aber im Badezimmer ein.

Das Ersparte geht zur Neige

Immerhin haben inzwischen alle einen Brief mit der Bestätigung des Schutzstatus S erhalten, wobei der eigentliche Ausweis erst im Mai ausgestellt wird. Damit haben sie nun offiziell Anspruch auf finanzielle Unterstützung in Form von Sozialhilfe, die sie dringend benötigen, denn ihr Erspartes aus der Ukraine ist bald aufgebraucht. Wie viel sie erhalten und ab wann das Geld fliesst, ist aber noch unklar, und Mischa ist wieder einmal am Telefonieren – diesmal mit der Firma ORS in Dübendorf, welche im Auftrag der Gemeinde für die Abwicklung zuständig ist, aber noch keine konkreten Beträge nennen konnte. Ausserdem waren alle, natürlich samt Mischa, auf dem Meilemer Sozialamt, wo sie erfuhren, dass grundsätzlich Notfallzahlungen beantragt werden können. Auch Migros-Gutscheine à 50 Franken werden verteilt, solange vorrätig.

Er habe bei dieser Gelegenheit offen zugegeben, dass er in der finanziellen Lage sei, die Flüchtlinge bis zu einem gewissen Grad aus seinem eigenen Sack finanziell zu unterstützen, erzählt Mischa: «Man sagte mir dann, dass es gut wäre, wenn das so bleiben könnte, damit die Notfallzahlungen für Bedürftigere aufgespart werden können.» Mischa findet das nicht ganz unproblematisch: «Die Familie hat Mühe, immer wieder Geld direkt von mir anzunehmen, auch bei Notfällen. Sie wollen ja nicht betteln. Es wäre besser, wenn die Hilfe von einer öffentlichen Stelle käme, wo Höhe und Frequenz des Betrags klar geregelt sind.» Er spüre auf jeden Fall den guten Willen der Behörden, aber die bürokratischen Abläufe seien offenbar noch nicht eingespielt.

Entscheid innert 24 Stunden

Wenigstens von diesen Sorgen ist Danylo, genannt Dania, noch unberührt. Der Vierjährige hat in der Stube mit Hilfe von einem Holzschlitten und anderem Gerät einen schwer beladenen Güterzug aufgebaut und ruft nun die Station aus: «Stadelhofen, Winterthur!» Die echte Zugfahrt nach Zürich hat ihm gefallen. Vor ein paar Tagen hat er mit Mischa im Garten Blumen gepflanzt. Auch Hund Angelos ist ganz nach seinem Geschmack. Mischas Begleiter seit etwas mehr als sechs Jahren lässt sich geduldig umarmen und ist damit ein grosser Ersatz für die insgesamt drei Hunde der Familie, die nicht mitkommen konnten. Mischa ist froh, dass es mit Angelos und seinen neuen Hausgenossen so gut läuft.

Schon seit Jahren engagiert er sich für diverse Hilfsorganisationen, bisher hauptsächlich mit Spenden. Den Entscheid, Menschen aus der Ukraine aufzunehmen, hat er innerhalb von 24 Stunden gefällt, «und hätte ich noch weitere 24 Stunden gewartet, hätte ich es vielleicht doch nicht getan», sagt er. Da er meist zu Hause arbeitet, kann er sich um die Flüchtlinge kümmern. Dass nun gegenseitige Sympathie herrscht, ist ein Glücksfall. Denn Mischa ist sich bewusst, dass die Wohngemeinschaft vielleicht monatelang dauern könnte.

Rösti und Borschtsch

Langsam pendelt sich so etwas wie Alltag ein: Masha arbeitet in Zürich in einem Restaurant, Zhanna aus dem Home Office für eine amerikanische IT-Firma, die auch Filialen in der Schweiz besitzt: Zhanna darf gelegentlich dort vorsprechen. Mashas Mutter Aliona und ihre Schwester Nastia lernen Deutsch, auch in einer Konversationsgruppe, die sich jeweils montags im Dorf trifft. Die schwangere Nastia war zudem vor einigen Tagen bei der Frauenärztin: mit ihrem Baby ist alles in Ordnung, es geht ihm gut. Für einen Moment leuchtet ihr Gesicht auf und sie sagt, sie sei glücklich. Sobald klar ist, welches Geschlecht das Kind hat, soll es eine Party geben.

Alina, die in Schytomyr das Lyzeum besuchte, geht seit einer Woche in eine Aufnahmeklasse in der Allmend, um möglichst rasch Deutsch zu lernen und dann die Regelklasse besuchen zu können. Zwei Lehrer unterrichten sieben Kinder aus der Ukraine. Alina und ein gleichaltriger Junge sind die Ältesten. Sie findet, der Unterricht sei schön und ziemlich einfach, es sei mehr spielen als lernen. Zusätzlich hat sie Online-Unterricht von ihrer alten Schule, um das ukrainische Schuljahr abzuschliessen.

Mischa, der vegan lebt, hat seinen Gästen bereits Rösti aufgetischt, sie kochen dafür Blinis oder Borschtsch. Jetzt duftet es verführerisch aus der Küche. Eine ukrainische Spezialität? Nein, sagt Masha lachend: «Pizza von gestern Abend!» Als nächstes warten gut drei Kilo Brokkoli darauf, verarbeitet zu werden, wie Mischa schmunzelnd erklärt: «Das Resultat fehlender Absprachen beim Einkaufen.»

Wir werden im Meilener Anzeiger in unregelmässigen Abständen den Weg der ukrainischen Flüchtlinge weiterverfolgen.

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