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Das Grundvertrauen wieder finden

Als er Meilen das erste Mal sah – er näherte sich von Rapperswil her, rechts die Rebberge, links der See – war er hin und weg, geradezu geflasht. «Hier möchte ich gerne wohnen», habe er gesagt, erinnert sich Peter Muijres, der damals mit seiner Familie frisch aus dem Herzen von London in die Schweiz gezogen war.

Der gebürtige Holländer ist Psychologe und medizinischer Anthropologe und hatte in England Forschung betrieben unter anderem zum Thema Bewältigung von Lebensphasenübergängen. Aktuell doktoriert er in Psychologie an der Uni Zürich.

Muijres’ Wunsch ging in Erfüllung, «wir hatten riesiges Glück bei der Wohnungssuche!» Die Familie fand vor bald sechs Jahren eine Wohnung auf der Hürnen. Inzwischen wohnt Peter Muijres alleine in der Siedlung mit Sohn Oscar (9) und Tochter Robin (6), die in Meilen die Schulen besuchen.

Die Betroffenen müssen All-

tägliches neu lernen

Seit letztem Sommer ist Muijres einer der Psychologen der Reha-Klinik Wald (ZH), wo zurzeit auch viele Long-Covid-Patienten behandelt werden. In den vergangenen acht Monaten hat er bereits knapp zwei Dutzend Betroffene begleitet, die nach Wochen auf der Intensivstation Alltägliches wie Gehen oder Schlucken neu lernen müssen und wieder auf die Beine kommen wollen – körperlich und emotional.

«Die Psyche dieser Patientinnen und Patienten ist geprägt von einschneidenden Erfahrungen im Spital», sagt Muijres, «sie mussten um jeden Atemzug kämpfen, fühlten sich hilflos ausgeliefert und wünschten sich moralische Unterstützung, die sie wegen der strengen Isolationsmassnahmen nicht erhielten». Die Folgen können Ängste, Depressionen oder posttraumatische Störungen sein: Das Grundvertrauen ist verloren gegangen. «Manche Betroffene fürchten, nur schon auf einer leichten Gehstrecke zu kollabieren. Dies auch, weil ein beschleunigter Herzschlag ein häufiges Long-Covid-Symptom ist.»

Eine existenzielle Herausforderung

Speziell bei Long Covid ist, dass die Krankheit oft wie ein Schock kommt. Muijres’ Patienten gerieten in kürzester Zeit von voller Gesundheit in einen lebensbedrohlichen Zustand und erleben, wie verletzlich das Leben und wie kostbar die Zeit ist. Dabei sind sie noch verhältnismässig jung. «Andere schwere Krankheiten wie Krebs oder Demenz entstehen schleichend, haben einen längeren Anlauf», sagt der Psychologe. Die existenzielle Herausforderung habe aber auch ihr Gutes: «Long Covid bietet die Chance für Neuorientierung und Neudefinierung. Denn für die Betroffenen gibt es eine Zukunft, einen zweiten Teil des Lebens, der noch vor ihnen liegt. Anders als bei anderen schweren Krankheiten, wo das Lebensende absehbar ist.»

Peter Muijres weiss, wovon er spricht, denn seit 2016 unterstützt er im Rahmen von Studienprojekten Menschen am Lebensende mit Krebserkrankungen oder bei beginnender Demenz mit einer sogenannten Dignity Therapy («Würdetherapie») und bietet auch Weiterbildungen dazu an.

Menschen mit einer schweren Krankheit leiden oft unter dem Verlust von Lebensqualität, Freude und Sinnhaftigkeit. Bei der Dignity Therapy geht es um die Zeit vor der Krankheit. «In Gesprächen erinnert man sich an die Person, die man wirklich ist, an den Menschen hinter dem Patienten oder der Patientin», erklärt Muijres. Das stärkt die Würde der Betroffenen und bietet ihnen Kraft und Orientierung. Die wichtigsten Erfahrungen, Werte, Ansichten und Wünsche werden in einem Dokument festgehalten, das mit den Angehörigen geteilt werden kann; für sie ist es ausserdem eine wertvolle Erinnerung.

Begegnungen sorgen für Farbe im  Leben

Muijres glaubt nicht daran, dass Corona gestoppt werden kann, höchstens gebremst. «Wir müssen da durch, gemeinsam.» Dass die Corona-Massnahmen inzwischen grösstenteils aufgehoben worden sind, ist ganz in seinem Sinn: «Das soziale und kulturelle Leben ist kein Accessoire, auf das man leicht verzichten kann. Erst wenn wir unsere Erfahrungen miteinander teilen, bekommt das Leben Farbe und Bedeutung.»

Wie bei Begegnungen in Meilen: «In Holland, wo ich herkomme, redet man ständig mit Fremden über alles Mögliche, zum Beispiel beim Schlangestehen. Hier sind die Menschen zu Anfang eher ein bisschen reserviert. Aber wenn man ins Gespräch kommt, gibt es immer einen interessanten Austausch. Ich finde, die Meilemer sind dann sehr offen und authentisch.»

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