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«Zwischen Ohren, Eseln und Eselsohren»

Den auf den ersten Moment unverständlichen Ausstellungstitel übernahm Galerist und Sammler Daniel Kellenberger aus einer Briefkarte des Künstlers Hans Obrecht: «Am 18. Juli 1985 habe ich zum erstenmal in meinem Leben eine Zeichenmappe gekauft – eine Massnahme gegen die ‚Eselsohren’ in meiner ‚Kunst’.»

  • Hans Obrecht lebte ab Ende 1934 in Amsterdam, wo er ein Hotel führte und in den Nachtstunden malte.

  • Das Herrliberger «Kunsthäuschen» zeigt noch bis 16. September eine Ausstellung mit Werken des grossen Künstlers Hans Obrecht. Fotos: zvg

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Schöner kann man die grandiose Ausstellung des Werkes dieses grossartigen, sehr bescheidenen Schweizer Kunstmalers des letzten Jahrhunderts nicht ankündigen. 

Hans Obrecht wurde 1908 in Wangen an der Aare geboren und wuchs in einer wohlhabenden Familie auf. Nach Gymnasium und Handelsschule entschloss er sich, Maler zu werden, und nahm Privatstunden im Malatelier von Ernst Georg Rüegg in Zürich. Anschliessend war er Schüler bei Ernst Würtemberger in Karlsruhe. Aber er musste zuerst als Buchhalter im elterlichen Betrieb in Wangen arbeiten.

Die Liebe zur Kunst liess ihn nicht los und er malte in jeder freien Minute, allerdings längere Zeit sehr akademisch. Als er 1930 in Paris dem Schweizer Kunstmaler Alfred Bernegger begegnete, begann er sich vom Einfluss der strengen Theorien Ernst Würtembergers zu befreien und seinen eigenen Stil zu entwickeln. 

Am 7. Dezember 1934 zog er nach Amsterdam und lernte dort 1935 seine viel ältere spätere Frau kennen. Diese Verbindung hielt bis zu ihrem Tod im Jahre 1974. Sie gründeten eine Leihbibliothek und kauften später ein kleines Hotel an der Amstel. Während der deutschen Besatzungszeit war seine Leihbibliothek ein wichtiger Treffpunkt des holländischen Widerstandes. Da Obrecht immer bis weit in die Nacht hinein im Hotel arbeiten musste, blieben nur die Nachtstunden zum Malen und Zeichnen. Wohl deshalb haben seine Bilder etwas Morbides und verkörpern oft das Einsame der dargestellten Menschen. Diese sind meist in Gruppen, kommunizieren aber nie miteinander, selbst im Gespräch blicken sie sich nie an. Besonders gut sieht man dies in den Bildern «Im Tram» und «Geburtstagsgäste». 

Obrechts Bilder enthalten keine leuchtenden Farben, sondern sind gedämpft, mit Schwarz in den Gesichtern sowie im Hintergrund und meist mit viel Braun. Aber die wenigen Farbakzente, die er setzt, nehmen den Bildern die Schwere und belassen die Hoffnung auf ein besseres Leben. Besonders sieht man das beim Bild «Auf der Terrasse», in dem die kleinen Tische mit einem grünen Tischtuch bedeckt sind und die weissen Gartenstühle rote Armlehnen haben. 

Es ist grossartig zu sehen, wie schwungvoll der Künstler seinen Pinsel führt, mit wie wenig er Gesichter malt und zum Leben erweckt. Am beeindruckendsten ist wohl das Werk «Lilien». Dieser Strauss beinhaltet alles, was uns der Künstler in seinem einmaligen Werk vermitteln will. Alles kündet hier von Leben und Tod, von Gegenwart und Vergänglichkeit, Schönheit und Alter. Und dies in der für Obrecht typischen, beruhigenden Farbenwelt.

Als er 1991 verstarb, hinterliess er ein grossartiges Werk aus Selbstbildnissen, Landschaften und Menschen. Ein Werk, das zum Besten gehört, was die Schweiz aus den 1930er- bis 1990er-Jahren vorzuweisen hat, und das langsam die gebührende Anerkennung findet.

Die Ausstellung im Kunsthäuschen Herrliberg an der Forchstrasse 32 ist noch geöffnet heute Freitag, morgen Samstag und am Sonntag, 16. September von 10.00 bis 17.00 Uhr. 

xeiro ag