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Vom Streichquartett zum Streichquintett

In ihrer Kurzbegrüssung kündigte Annette Bartholdy eine Programmänderung an: Der Violoncellist des Carmina-Quartetts, Stephan Goerner, konnte krankheitshalber nicht mittun und wurde von Primgeiger Matthias Enderles Tochter Chiara ersetzt.

  • Carmina Quartett Kirche Meilen

    Wunderbare Klänge im Kirchenraum: «Vier Jahreszeiten»-Konzert vom vergangenen Sonntag. Foto: zvg

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Damit einher ging im Frühlingskonzert der «Vier Jahreszeiten» eine Programmänderung: Zwei Streichquintette, vor zwei Wochen erfolgreich aufgeführt, ergaben das überaus wertvolle Programm. Dass Violoncellist Thomas Grossenbacher – seines Zeichens Chiara Enderles Lehrer an der Zürcher Hochschule der Künste (ZhdK) – mittat, verhalf der Umprogrammierung zu besonderem Charme, denn das kann berichtet werden: Die Paarungen erwiesen sich als überaus bereichernd, eine Selbstverständlichkeit im Zusammenwirken stellte sich in einem Masse ein, dass es eine Freude war.

Enorme Virtuosität

Der 1743 im italienischen Lucca geborene, ab 1769 am Madrider Hof tätig gewesene Violoncellist Luigi Boccherini gilt als Vater des Streichquintettes mit zwei Violoncelli – die meisten seiner 125 (!) Quintette erfordern diese Besetzung. Das am Sonntag in Meilen gebotene Streichquintett C-Dur op. 28/4 stammt aus dem Jahre 1779 und ist dem Preussenkönig Friedrich Wilhelm II. gewidmet.

Dass Chiara Enderle eine der bemerkenswertesten Kräfte der jüngsten Generation konzertierender Violoncellistinnen ist, zeigte ihr markiger Einstieg in die Boccherini-Partitur. Bogengeräusche zeugten vom Gestaltungswillen der jungen Virtuosin, welche auch mit feinem Cantabile begeisterte. Letzteres stellte das Ensemble (zusätzlich zu den bereits Erwähnten: Susanne Frank, Violine, und Wendy Chapney, Viola als Carmina-Mitglieder) dem energischen Einstieg ebenfalls subtil entgegen.

An passender Stelle bewiesen zudem die von Boccherini eher vernachlässigten Mittelstimmen gesunde Eigenständigkeit in satter Tongebung, um immer wieder feinstes Pianissimo in den Raum zu hauchen. In den vier Sätzen aus verschiedenen Quintetten Boccherinis glänzte Chiara Enderle immer wieder durch enorme Virtuosität bis in höchste Lagen und diversifizierter Bogentechnik.

Ausgetüftelter Klang

Das Streichquintett C-Dur D. 956 op. posthum 163 von Franz Schubert ist für die meisten Musiker – auch für die Initiantin der Jahreszeiten-Konzerte, Annette Bartholdy – das Streichquintett  der Schubert'schen Gesamtliteratur überhaupt. Wenige Monate vor seinem Tod 1828 komponiert, ist es ein Schwanengesang von Tiefgründigkeit sondergleichen. Es legt sich die Tragik eines Menschen, dessen Lebensträume nicht in Erfüllung gegangen sind, wie ein Firnis von Trauer über eines der klangschönsten Werke der Romantik. 

Die fünf Künstler gingen die geheimnisvollen Einleitungstakte in Verhaltenheit an, liessen darauf partiturgemäss aber gehörig Verve hören. Wiederum faszinierten der ausgetüftelte Piano-/Pianissimo-Klang des Ensembles und das berückende Zusammenspiel von Viola und Violoncello. Highlight im Adagio war der hinter Klostergemäuer hervorklingende klerikale Gesang, gleichsam als Gruss aus dem 16. Jahrhundert. Die Pianissimo-Vorhalte der ersten Violine gingen allerdings in den (wohl absichtlich) lang gehaltenen Akkorden der Begleitung unter, schade. Dafür kam der Dialog  von Violine 1 und Violoncello im Triolen-Gewand perfekt aufeinander abgestimmt daher. Schuberts Zerrissenheit kam auch im Scherzo voll zur Geltung, die verschiedenen Instrument-Paarungen waren auffallend genial gespielt.

Riesige Begeisterung

Im Trio des Scherzos glänzten Thomas Grossenbacher und Susanne Frank wieder mit Höchstniveau, ehe das finale Allegretto mit gesunder Musikalität angegangen wurde. War es wohl Müdigkeit, die im doch längsten Kammermusikwerk Franz Schuberts gegen Ende die Intonationssicherheit etwas ins Wanken brachte? Das dynamische Ausleuchten der Partitur allerdings faszinierte bis zum Ende – Klasse!

Die Begeisterung im Kirchenraum war riesig: Nach Blumenübergabe gaben die Kammermusiker deshalb eine Dreingabe, passend zum gehörten Programm erklang das überaus bekannte Menuett aus dem Streichquintett E-Dur op. 11/5 – es entliess die Zuhörerschaft erfrischt in den sonnigen Frühabend.

Halte man sich in Vorfreude den Sonntag, 11. Juni frei – um 17.00 Uhr steht der Stern Beethovens über einem abwechslungsreichen Programm.

xeiro ag