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«Urkraft» im wahrsten Sinne des Wortes

Die drei Künstlerinnen Romana Keller, Nelly Truninger und Marisa Frei-Norena werden dem Ausstellungstitel voll gerecht, denn ihre Arbeiten strahlen künstlerische Urkraft aus. Es ist auch beeindruckend, welche Harmonie ihre sehr unterschiedlichen Arbeiten erreichen.

  • Die Künstlerin Marisa Frei-Norena stammt aus Kolumbien. Ihr eindrückliches Werk trägt den Titel Gesellschaft 2.

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Da ist die Bildhauerin Romana Keller. Sie liebt die Steine und kann nicht von ihnen lassen und verleiht ihren Plastiken somit etwas fast Archetypisches. Sie nimmt Styroporkugeln, «schnitzt» daraus ein Gesicht, das sie dann sandstrahlt und so zum Leben erweckt, damit der Betrachter auf den ersten Blick denkt, es sei aus Stein. Es sind Prinzessinnen und Königinnen, deren Haupt mit wunderschönen Muscheln, Ammoniten und grossen Schneckenhäusern sowie Halbedelsteinen und Edelsteinen wie mit einer Kopfbedeckung verziert wird. Man glaubt, altägyptischen Figuren gegenüber zu stehen. Diese Köpfe stehen auf alten, beeindruckenden Holzsockeln. 

Besonders interessant ist ein mit alten Münzen bedeckter Kopf, dessen Augen aus zwei Herzen bestehen und der auf einem kräftigen Holzsockel steht, der mit Eisen zusätzlich beschlagen ist. Ein Werk, das Grazie und Urkraft ausstrahlt und sehr vielseitig interpretiert werden kann. Für den Garten oder die Terrasse bilden die mit wunderschönen, farbigen Steinen besetzten grossen Kugeln eine Zierde.

Die in Meilen lebende Nelly Truninger signiert ihre Werke mit dem Künstlernamen Conny, so, als ob sie für ihre künstlerische Arbeit eine zweite Identität benötigte. Während ungefähr 20 Jahren bemalte sie Porzellan und wagte sich dann an die abstrakte Acrylmalerei und schafft seither grossartige Bilder in teilweiser Mischtechnik. Die erwähnte «Urkraft» ist ganz speziell in ihrem Gemälde «Sonnenuntergang» ersichtlich. Es ist die einmalige Stimmung eines Sonnenuntergangs am 31. Dezember 2016 am Meer in Mallorca. Wie ein Ufo schwebt zwischen dem blauen Himmel und dem fast schwarzblauen Meer eine dunkle, schwarze Wolke. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne gleissen noch über sie hinweg und nehmen ihr so die bedrückende Wirkung. Und zwischen Wolke und Meer strahlt im Hintergrund golden der Abendhimmel. So entstand wohl einst die Welt. Truninger fotografiert die Naturerscheinungen und malt die Bilder in aller Ruhe in ihrem Atelier. 

Eindrücklich ist auch das abstrakte Längsbild rechts an der Wand beim Kellergewölbeeingang. Es ist eine wunderschöne Arbeit, die mit gekonnter Pinselführung wie spontan hingeworfen wirkt. Der Hintergrund ist blau wie ein Meer, und die in Rot und oxydiertem Braun gemalten Farbtupfer wirken wie Inseln, die soeben entstanden sind. Und über den Acrylfarben liegt ein neutraler Glimmer, der je nach Licht die Farbe aufnimmt und zum Schimmern bringt.

Die Dritte im Bunde ist die aus Kolumbien stammende Marisa Frei-Norena. Sie erwarb ihr Diplom der «Schönen Künste» an der Universität de la Sabana in Bogota und bildete sich in Amerika künstlerisch weiter. Seither stellt sie ihre Werke international aus und erhielt inzwischen für ihr Können auch verschiedene internationale Auszeichnungen. 

Bei einer Künstlerin aus Kolumbien erwartet man eigentlich Bilder in kräftigen und leuchtenden Farben. Aber hier geht Marisa Frei-Norena ihren eigenen Weg, indem sie ihre Bilder mit glänzendem Acryl «grundiert» und dann mit verhaltenen Ölfarben bemalt. So erhält sie eine fast morbide Stimmung. Überhaupt erinnern ihre Werke an den Expressionismus und sind äusserst ausdrucksstark. Besonders ersichtlich ist dies bei «Gesellschaft 1 und 2», wo nur Köpfe und Büsten einzelner Menschen gemalt sind, mit unter anderem vor Schreck oder Angst geöffneten Mündern und sehr eindrücklichen den Betrachter aufwühlenden Gesichtern. Gesichter, die von Angst und Not gezeichnet sind. Oft stehen die Köpfe auch Kopf auf Kopf. Viele ihrer Arbeiten entstehen, indem sie beim Malen Nachrichten hört und so das Gehörte ins Bild umsetzt. Ihre Bilder strahlen Kraft aus und sind mit Grün, viel Rot und Gelb sowie anderen Farben gemalt, wobei je nach Lichteinfall der Acrylhintergrund plötzlich aufleuchten kann. Besonders eindrücklich ist das Bild «Spiritus Sanctus» mit je zwei Männer- und zwei Frauenköpfen. In der Mitte befindet sich wie ein Schatten ein in Gelb gemalter fünfter Kopf, der den «Spiritus» verkörpert. Die Gesichter der Männer sind sehr ernst, jene der Frauen sind lachend. So sind ihre Bilder nicht nur zum Betrachten, sondern sie fordern den Schauenden zum Nachdenken auf – zum Nachdenken über die Ungerechtigkeiten unserer Welt, aber ohne belehrend zu sein. Eindrücklich ist auch das Bild «Shilling». Man fragt sich, ob all das, was man sieht auch echt ist: Glanz, Ruhm, heiligt der Zweck die Mittel (das sind die Gedanken der Künstlerin während des Malens)? Man muss erkennen, dass nachts alle Katzen grau sind, aller Glanz überflüssig ist.  

Die sehr sehenswerte Ausstellung «Urkraft» der drei Powerfrauen im Ortsmuseum dauert bis am 23. September und ist geöffnet am Samstag und Sonntag von 14.00 bis 17.00 Uhr.

Die Vernissage findet am Freitagabend, 31. August um 18.00 Uhr statt.

xeiro ag