Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen

So bewältigen die Meilemer die Corona-Isolation

Seit bald zwei Wochen ist die Schweiz im Ausnahmezustand, und auch die Meilemerinnen und Meilemer müssen sich in dieser Situation neu organisieren. Wir haben zwei Familien, eine Seniorin, eine Gewerblerin und einen Politiker gefragt, wie sie die ersten Tage im weitgehend stillgelegten Land gemeistert haben.

  • Eva Syz mit Sophie und Theo: Die ganze Familie muss sich neu organisieren. Foto: zvg

  • Das Beschäftigungsprogramm der fünf Cousinen und Cousins soll auch in diesen Tagen abwechslungsreich sein. Zwischendurch ist es aber auch schön, es sich auf dem Sofa gemütlich zu machen. Foto: zvg

  • Elsbeth Casparis, 78, beschäftigt sich mit Nähen und dem Frühlingsputz. Foto: MAZ

  • Gemeinderat Hanspeter Göldi arbeitet daheim im Home-Office. Auch Sitzungen werden wenn möglich per Konferenzschaltung oder am Telefon abgehalten. Foto: zvg

  • Karin Sommerhalder vertreibt sich die Zeit, indem sie Kundinnen Pflegeprodukte nach Hause liefert. Foto: MAZ

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Das sind keine Ferien

«Unser oberstes Motto ist ‘wir nehmen es von Tag zu Tag’», sagt Eva Syz. Bei der Primarlehrerin und Mutter von Theo (9) und Sophie (14) hat sich mit dem Shutdown nicht nur der Familien-, son-dern auch der Berufsalltag komplett verändert. 

«Bis vor zwei Wochen hatten alle in der Familie ihren fixen Tagesablauf», sagt sie, «Theo ging zur Schule und besuchte ab und zu den Mittagstisch, Sophie war tagsüber in Zürich im Gymi, mein Mann und ich verliessen oft das Haus um zu arbeiten.» Jetzt sind die Aussenkontakte fast ganz weg, niemand kann ausbrechen, die Familie muss sich neu organisieren. Kommunikation sei hier besonders wichtig, findet Eva Syz, weshalb alle vier regelmässig zusammensitzen und ein Familiengespräch führen. Das heisst, Probleme werden angesprochen und organisatorische Fragen geklärt, zum Beispiel die Sache mit dem Mittagessenkochen, das früher nicht so oft nötig war, weil sich alle auswärts verpflegten. 

Für den Unterricht von Theo, er geht in die dritte Klasse, hat sich Eva Syz mit der Mutter eines Schulfreundes von Theo aus der Nachbarschaft zusammengetan. Die Kinder arbeiten jeden Morgen gemeinsam von 10 bis 12 Uhr bei der einen oder bei der anderen Mutter, die Arbeitsblätter kommen per Mail, die Klassenlehrerinnen haben sich auch bereits telefonisch gemeldet. Am Montag gab es ausserdem die erste Online-Klavierstunde für Theo, angeboten von der Musikschule Pfannenstiel. Gymnasiastin Sophie hat einen Stundenplan und Arbeitsaufträge, «da wird viel Selbständigkeit erwartet», findet Eva Syz, ihre Tochter mache das aber sehr gut. Allen ist klar: Das sind keine Ferien, du hast immer noch Aufgaben. 

Auch Eva Syz als Lehrerin einer 3. Primarklasse in Egg ist nun online für ihre Schüler da, ihr Mann Christian macht ebenfalls Home Office. Erstmals sind deshalb in der Familie manchmal Türen geschlossen, das heisst dann «bitte nicht stören». Dafür kann es vorkommen, dass Theo mit seinem Vater mitten am Tag im Garten tschutten darf.

«Unsere wichtigste Aufgabe als Eltern ist es jetzt, einen Rahmen zu schaffen, damit alle sich wohlfühlen und wir diese spezielle Zeit gemeinsam gut meistern», sagt Eva Syz, «und je länger es dauert, desto routinierter werden wir.»

 

Kindertausch mit der Schwester

Drei Kinder im Alter von fünf, vier und fast drei Jahren müssen auch in dieser Ausnahme-Situation beschäftigt werden. Ausflüge, Spielen auf Spielplätzen oder Verabredungen mit Gspänli sind nicht möglich. Was also kann man machen, damit den Kindern nicht langweilig wird? 

«Wir versuchen unseren Kindern trotz der Einschränkungen möglichst viel Abwechslung zu bieten», sagt Mutter Sibille Frison. «Momentan ist das Wetter gut, die Kinder können auf der Wiese vor dem Haus spielen, oder wir machen Spaziergänge.» 

Allerdings geht das nur mit Einschränkungen. Sind die Nachbarskinder draussen am Spielen, müssen Frisons umplanen, damit keine zu grosse Gruppe entsteht, und beim Spazieren wird der nötige Abstand zu anderen eingehalten. Um dem Nachwuchs in dieser Zeit dennoch einen Tapetenwechsel zu ermöglichen, haben sich Sibille Frison und ihre Schwester ein System überlegt: «Die Kinder meiner Schwester Tanja sind älter als meine und gehen zur Schule. Jede Woche erhalten sie per Mail ihre Hausaufgaben. Diese Ufzgi lösen die Kinder nun jeweils am Vormittag bei mir daheim, während meine drei bei ihr spielen, basteln und malen», erklärt Sibille Frison.

So gibt es Tapetenwechsel und weniger Konfliktpotenzial: «Manchmal ist es einfacher, von der Tante einen Rat anzunehmen als vom eigenen Mami. Das Lernen ist für die Kinder so merklich angenehmer, und sie sind konzentrierter als im eigenen Zuhause.» Bei den Kleinen hilft der «Kindertausch» gegen Langeweile. 

Und: «Wir halten so die sozialen Kontakte gegen aussen so gering wie möglich», sagt Sibille Frison. Sie freut sich trotzdem, wenn die Zeit der Isolation möglichst bald ein Ende nimmt. Übrigens: Auch die Eltern brauchen von Zeit zu Zeit eine Ablenkung. «Einmal in der Woche treffe ich mich mit meinen Freundinnen zum Quatschen und Austauschen. Anders als sonst einfach per Konferenzschaltung am Computer.» 

 

Ein Plisseerock für nachher

Ein wenig deprimierend sei es schon, dass es draussen so still ist, sagt die 78-jährige Elsbeth Casparis. Ums Haus herum sind normalerweise Kinder zu hören, die in den Veltlin-Chindsgi springen, immer mal wieder ein Automotor, oder Angestellte, die am Morgen durchs Tobel traben, um den Zug in die Stadt noch zu erwischen.

Auch Elsbeth, die mit fast allen Menschen rasch per Du ist, verlässt ihre Wohnung in der Wampflen nur noch für Spaziergänge und für den wöchentlichen Einkauf im Coop: «Ich fahre mit dem Auto in die Parkgarage, schnappe mir im Laden alles, was ich brauche, und fahre auf direktem Weg wieder nach Hause.» Gut kochen und gut essen sei sehr wichtig.

Allein zu sein macht ihr zwar nichts aus, aber sie vermisst die Aktivitäten, die sie sonst pflegt: Sie empfängt häufig Besucher auf einen Kaffee, sie hilft in den Reben bei Schwarzenbachs, sie geht skifahren, besucht das Aquafit und wandert. Stattdessen sortiert sie nun den Kleiderschrank aus, macht den Frühlingsputz in der Wohnung, die Steuererklärung und die Patientenverfügung sind auch schon erledigt, und sie hat viel Zeit für Handarbeiten: Nähen, stricken und Halsketteli basteln sind ihre Hobbys. Romane lesen ist auch etwas, was ihr gefällt, «aber das ist wie Nichtstun, das mache ich nur am Abend oder über Mittag.» Im Moment liest sie vor allem Bücher, die in Australien spielen. Manchmal chattet sie auf dem Handy mit den Kolleginnen aus dem Aquafit oder mit lieben Bekannten.

Wichtig wäre ihr auch der Fernseher. Doch der ist im Moment ausser Betrieb, und Elsbeth Casparis hat keine Ahnung, was ihm fehlt. Es war nicht einfach, einen Techniker zu finden, der sich trotz Corona in eine fremde Wohnung traut, doch nun hat sich einer angemeldet, und es besteht Hoffnung, dass der Apparat bald wieder läuft.

Trotz allem: Elsbeth hat keine Angst. «Alles kommt gut», sagt sie, auch wenn sie zugibt, dass sie nervöser sei als üblich – aber das liege vermutlich daran, dass sie zu wenig zu tun habe. Immerhin hat sie sich einen Plisseerock genäht, schwarz und mit grün-grauen Lichtreflexen in den Falten. Der ist für ins Theater. Für nach Corona.

 

Politik aus dem Home Office

Für Gemeinde- und Kantonsräte wie Hanspeter Göldi gibt es momentan viel zu organisieren und zu entscheiden. Der Meilemer Sozialvorstand versucht aber, an Sitzungen möglichst telefonisch oder per Konferenzschaltung teilzunehmen: «Einige Sitzungen lassen sich allerdings nicht verschieben. Wir achten dabei darauf, dass nicht mehr als fünf Personen im Raum anwesend sind und halten die Abstände und Hygieneregeln sehr genau ein.»

Neben der Politik arbeitet Hanspeter Göldi auf Mandatsbasis. Da die Mandate momentan praktisch alle ausgesetzt sind, kann er sich im Home-Office, das er sich mit seinem im Studium befindlichen Sohn teilt, ganz auf die Politik konzentrieren: «Wir leben zu dritt in einer relativ grossen Wohnung, haben einen Garten und können uns dadurch gut auch mal etwas Rückzug voneinander gönnen.» Göldis Frau arbeitet zurzeit noch auswärts. «Sie hat das Büro für sich allein. Das ist ganz gut so, denn sowohl mein Sohn wie auch ich benötigen zurzeit das Internet und das Telefon sehr oft. Wenn sie auch zuhause arbeiten würde, wäre das Netz noch stärker belastet», erklärt Göldi. 

Zu seinen Hauptaufgaben zählen momentan Vernetzung und Koordination. So beispielsweise für die Nachbarschaftshilfe, bei der neu auch die Gemeinde involviert ist, oder für die Organisation der Kinderkrippen, damit diese ihre wichtige Funktion weiterhin aufrechterhalten können – vor allem für die Eltern, die in versorgungsrelevanten Berufen tätig sind. Auch die Gemeinderatssitzungen werden mit fünf Personen im Raum und fünf online zugeschalteten Personen abgehalten. Man müsse mit gutem Beispiel vorangehen und persönliche soziale Kontakte so gering wie möglich halten, sagt Göldi. «Nur wenn alle an einem Strang ziehen und wenn immer möglich zuhause bleiben, haben wir eine Chance, bald wieder zur Normalität zurückzufinden.» 

Als Gemeinderat mit Ressort Soziales und Gesundheit erhält er viele Reaktionen aus der Bevölkerung. «Die meisten verstehen glücklicherweise, dass jetzt Solidarität von allen gefragt ist. Es freut mich speziell, dass sich vor allem junge Menschen ihrer Verantwortung sehr bewusst sind. Jetzt ist es wichtig, die Risikogruppe der über 65-Jährigen dazu zu bewegen, Hilfe anzunehmen und beispielsweise Einkäufe nicht mehr selber zu erledigen. Zum Schutz aller.»

 

Kurzarbeit für die Angestellten

Wie viele andere musste auch Coiffeuse Karin Sommerhalder ihr Geschäft «hairline» an der Dorfstrasse in Meilen von einem Tag auf den anderen schliessen. Die erste Frage, die sie sich stellte: «Muss ich jetzt alle Kunden anrufen, die in den nächsten Tagen einen Termin gehabt hätten, oder ist ihnen klar, dass es nichts wird mit dem Haarschnitt?» Schliesslich meldete sie sich bei jenen, die in der ersten Shutdown-Woche im Kalender standen. Manche waren überrascht, «sie hatten nicht begriffen, dass alles zu ist.» 

Für ihre drei Mitarbeiterinnen hat die selbständige Coiffeuse Kurzarbeit angemeldet, und sie ist dankbar dafür, dass nun auch Selbständige eine Lohnausfallsentschädigung erhalten. «Da ist mir ein Stein vom Herzen gefallen, zumal ich zurzeit zwei Geschäfte über Wasser halten muss.» Den grossen Salon in Meilen möchte sie verkaufen, für den neuen, kleinen Salon in Feldmeilen bezahlt sie bereits Miete.

Um sich zu beschäftigen, hütet Karin Sommerhalder ihren Gottibueb und dessen zwei Geschwister, chattet mit ihren Angestellten – es geht allen zum Glück gut – und liefert ihren Kunden auf Bestellung Stylingprodukte oder Färbemittel in den heimischen Briefkasten. Jemandem zu Hause die Haare zu schneiden oder zu färben kommt allerdings nicht in Frage. Das ist nicht nur als Schwarzarbeit verboten, sondern es wäre auch gefährlich, weil bei dieser Arbeit der erforderliche Zwei-Meter-Abstand nicht eingehalten werden kann.

Die Coiffeuse hofft, dass sie nach dem 19. April ihr Geschäft wieder öffnen darf. «Das wird der Horror sein», sagt sie lachend, «da wollen dann alle sofort einen Haarschnitt». Zurzeit werden keine Termine vergeben – zuerst einmal abwarten. «Es ist eine aussergewöhnliche Situation, wir wissen alle nicht, wie es weitergehen wird. Vielleicht bringt uns das Ganze auch zum Nachdenken über die Wichtigkeit oder Unwichtigkeit gewisser Dinge», meint sie.

Etwas ist klar: Anders als geplant bleibt Sommerhalder noch bis zur auf den 5. September verschobenen Generalversammlung des Handwerks- und Gewerbevereins im Vorstand, und die Osteraktion mit den Eiern für die Kunden ist abgeblasen.

xeiro ag