Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen

Selbstwirksamkeit in der Therapie

Ich schrieb an dieser Stelle bereits über das Thema Selbstwirksamkeit (22. August) – die Überzeugung einer Person, auch schwierige Situationen und Herausforderungen aus eigener Kraft erfolgreich bewältigen zu können.

Unser 18-monatiger Enkel ist oft tageweise bei uns in den Ferien. Er liebt es ganz besonders, auf die Fernbedienung zu drücken und damit die Storen hinauf oder hinunter fahren zu lassen. Auch drückt er auf die Klingel oder schaltet Lampen ein. Das ist praktizierte Selbstwirksamkeit: «Ich tue etwas, und es passiert etwas». Am wirksamsten sind natürlich Erfolgserlebnisse. Dies zu erfahren ist nicht schwer, wenn wir die Ansprüche nicht zu hoch schrauben. Eine Wohnung staubzusaugen mag nicht das Höchste der Gefühle sein, aber etwas, das wir gemacht haben, ist immer ein kleines Erfolgserlebnis.

Wie bei vielem im Leben können wir auch hier von Vorbildern profitieren. Wenn wir sehen, wie diese ihr Leben verändern und mit Schicksalsschlägen umgehen, kann das auch uns Mut machen. Auch unser Umfeld kann uns nachhaltig prägen, manchmal ein Leben lang. Lob in einem vernünftigen Mass kann uns ermutigen und motivieren.

Umgekehrt ist es eine Katastrophe, wenn man immer wieder als Versager tituliert wird oder erfahren muss, dass man gar nicht gewollt war. Der letzte Punkt hat mit dem Denken zu tun, respektive mit der Interpretation. Es gilt das geflügelte Wort, dass die Umstände 50 Prozent des Problems ausmachen, den Rest macht die Deutung derselben.

Ein gutes Beispiel dafür sind Panikattacken: massive, scheinbar lebensbedrohliche Angstgefühle, fast immer ausgelöst durch körperliche Symptome wie Herzklopfen, Schwitzen oder Atemnot. Wenn wir diese als Störsignale eines überreizten vegetativen Nervensystems interpretieren und wissen, dass das subjektiv so schlimme Erleben objektiv harmlos ist, wird es uns künftig weniger ängstigen.

Interessanterweise spielt Selbstwirksamkeit auch im Beruf eine Rolle. Wenn ich meinen Mitarbeiterinnen nicht nur vieles delegiere, sondern ihnen auch den Raum gebe, eine Aufgabe selbständig zu lösen, dann erhöht dies nachgewiesenermassen die Befriedigung an der Arbeit. 

Dr. med. Martin Jost, Praxis für Psychosomatik, www.drjost.ch

xeiro ag