Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen

Schwarzer Frack, aber keine schwarze Seele

Saatkrähen sind etwa gleich gross wie Rabenkrähen und gehören wie diese zu den Singvögeln, was in Anbetracht ihres «Gesangs» doch eher erstaunt. Als verbreiteter Brutvogel aus Ost-, Nord- und Mitteleuropa haben sie die Schweiz erst 1963 für sich entdeckt.

  • Saatkrähen haben sich angepasst und leben heute teilweise mitten im Siedlungsraum. Foto: zvg

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Vom Genfersee her wurde die westliche Landeshälfte und das Mittelland besiedelt. Der erste Brutnachweis im Kanton Zürich erfolgte 2007 in Thalwil, in Männedorf hat sich seit 2015 eine Kolonie etabliert. Die Meilemer Kolonie mit gegenwärtig rund 20 Nestern entstand 2016 in den Bäumen des Zweienbachtobels.

Wie aus Landeiern Stadtbewohner wurden

Die Saatkrähe war ursprünglich eine Bewohnerin des offenen Kulturlandes, wo sie auch heute noch ihre Nahrung findet. Ihren Nachwuchs zieht sie ausschliesslich mit Insekten, Wühlmäusen und Würmern gross. Darauf weist die unbefiederte Schnabelbasis hin, die beim Stochern im Boden nicht verkleben kann. 

Aus Unwissen wurden diese wertvollen Helfer der Bauern aber bis in die 1960er-Jahre in Europa massiv verfolgt: Durch Abschüsse und Giftköder brachen die Bestände drastisch ein. Einer effizienteren Landwirtschaft wurden zudem viele Feldgehölze und Windschutzhecken geopfert, die bevorzugten Brutplätze der Saatkrähen. Die intelligenten Vögel entdeckten deshalb in ihrer Not den Siedlungsraum als Brutgebiet. Dort fanden sie als Nicht-Waldbewohner geeignete Brutbäume und wurden nicht bejagt. Die Landflucht war die rettende Strategie für die Saatkrähe und ist deshalb auch tief in ihren Genen verankert. Dieser Lerneffekt erklärt auch, warum bisher fast alle Versuche, die schwarzen Nachbarn aus dem Siedlungsraum zu vertreiben, nicht erfolgreich waren.

Alles andere als «Rabeneltern»

Saatkrähen leben wie die meisten einheimischen Rabenvögel monogam, die Partner bleiben ein Leben lang (maximal 20 Jahre) zusammen. Sie besitzen ein beachtliches Inventar an verschiedenen Lautäusserungen für die innerartliche Kommunikation und sind wie alle Rabenvögel liebevolle und zärtliche Eltern, also das genaue Gegenteil der leider sprichwörtlichen «Rabeneltern».

Im April werden innerhalb von rund 18 Tagen bis zu sechs Eier ausgebrütet und im Mai die Jungen aufgezogen. Nach rund 30 Tagen im Nest fliegen die Jungvögel aus. Die Jugendsterblichkeit kann jedoch bis zu 50 Prozent betragen.

Ruffreudige Nachbarn, die sich kaum vertreiben lassen

Saatkrähen sind sehr sozial und brüten deshalb auch in Kolonien. Bei den Rabenkrähen besetzen hingegen nur Alpha-Paare die besten Reviere, die restlichen Vögel haben das Nachsehen und leben in Nichtbrüter-Verbänden.

Innerhalb einer Kolonie entsteht während der Brutzeit ein lebhafter Betrieb, der manchmal in regelrechte Plünderungsorgien nachbarlichen Nistmaterials mündet. Da die Tiere sehr ruffreudig sind, kann die Ruhe im direkten Umfeld der Nestbäume durchaus gestört werden. Deshalb wurden an mehreren Orten in der Schweiz und auch im benachbarten Ausland schon viele Versuche unternommen, die Saatkrähen von neuralgischen Plätzen wie Spitälern oder Wohngebieten fernzuhalten. Am besten dokumentiert werden diese Versuche in der Stadt Bern durch die Fachstelle Natur und Ökologie. Seit 1988 brüten die Saatkrähen in Bern, gegenwärtig sind rund 1000 Brutpaare an 30 Standorten präsent. 

Sämtlichen Methoden wie die Entfernung von Nestern, radikaler Baumschnitt, der Einsatz von Uhu-Attrappen etc. erzielten keine oder wenn, dann nur geringfügige, kurzfristige Effekte. Die Langzeitversuche haben aber im Gegenteil gezeigt, dass durch solche Massnahmen bestehende Kolonien meistens aufgeteilt wurden und nach den Eingriffen mindestens doppelt so gross waren. Dieses Resultat deckt sich mit den europaweit gemachten Erfahrungen. 

Wegen dieses Negativ-Effekts werden in Bern künftig nur noch an öffentlichen Plätzen und bei Spitälern Vergrämungsmassnahmen angewendet. Betroffene Anwohnerinnen und Anwohner müssen sich in Bern wohl oder übel von März bis Mai während dem Brutbetrieb mit den rufenden Nachbarn abfinden. Die Suche nach neuen Methoden, die messbare und nachhaltige Resultate bringen und nicht zu einer Vergrösserung der Kolonien führen, geht selbstverständlich weiter.

Besser als ihr Image

Saatkrähen sind seit 2010 nicht mehr auf der Liste der bedrohten Brutvögel der Schweiz. Seit 2012 sind sie jagdbar, sind aber während der Schonzeit vom 16. Februar bis zum 31. Juli geschützt. Während dieser Zeit dürfen auch keinerlei Störungen im Bereich der Kolonie erfolgen. Aus diesem Grund wurden die forstlichen Eingriffe im Zweienbachtobel vorher ausgeführt.

Rabenvögel sind leider allgemein schlecht beleumundet. Selbst Elstern und Rabenkrähen beeinflussen den Bestand der kleinen Singvögel nachweislich nicht negativ. Für deren Rückgang sind vielmehr die Zersiedelung der Lebensräume, Umweltgifte, Verkehr, Lichtemmissionen, Vogelschlag an Gebäuden und Windkraftanlagen sowie eine Verarmung des einst strukturreichen Kulturlandes massgebend. Der Saatkrähe kann aber – abgesehen von der Ruffreudigkeit – ein einwandfreies Zeugnis ausgestellt werden: Sie vergreift sich so gut wie nie an Abfällen und erbeutet keine Nestlinge anderer Vogelarten. Als grosser Insektenvertilger ist sie ein Helfer der Landwirtschaft. Mit einem landesweiten Bestand von ca. 8000 Brutpaaren (Stand Zählung 2016) ist sie im Vergleich zu den rund 120‘000 Brutpaaren der Rabenkrähe überdies ein eher seltener Vogel. Bei einer wohlwollenden näheren Betrachtung vermag uns ihre Intelligenz, die fürsorgliche Aufzucht der Jungen und das purpur glänzende Gefieder durchaus zu faszinieren.

Experte begleitet die Meilemer Kolonie

Die Gemeinde Meilen hat einen Experten engagiert, der die Saatkrähen-Kolonie im Zweienbachtobel im Rahmen eines Monitorings begleitet und auch bei der Prüfung möglicher Massnahmen beigezogen wird. Sobald es gesetzlich wieder erlaubt ist, wird für die interessierte Bevölkerung eine Informationsveranstaltung vor Ort angeboten.

xeiro ag