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Religion ist nicht am Verschwinden

Prof. Dr. theol. Konrad Schmid von der Universität Zürich legte am dritten Abend der Winterreihe der reformierten Kirche überzeugend dar, dass allen Unkenrufen zum Trotz Religion sich nicht auf dem absteigenden Ast befindet.

  • Auch Madeleine Witzig behandelte im Kunsthaus das Thema der Winterreihe der Reformierten – hier am Beispiel von Wilhelm Lehmbrucks Skulptur «Emporsteigender Jüngling». Foto: MAZ

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Nach wie vor ist sich der Mensch seiner Endlichkeit bewusst. Religion ist aber auch nicht zur Privatsache geworden, sondern spielt im sozialen, kulturellen und politischen Leben eine bedeutende Rolle. 

Wege zum Glauben

Während man in früheren Zeiten in einen Glauben hineingeboren wurde, spielen heute bewusste Entscheidungen stärker mit. Kann man seinen Glauben selbst auswählen?, fragte der Referent, und die Antwort war «Ja und Nein». Ja sagen die Religionssoziologen, denn sie beobachten heute eine «Cafeteria-Religion», in der man sich nach Lust und Laune mit etwas Kreistanz und Keltentum, ein wenig Glauben an die Reinkarnation, aber auch mit Ritualen aus der christlichen Kirche bedient und sich seine Religion individuell zusammenstellt. Nein sagen die Theologen, welche den Glauben als ein Berührtsein von den grossen Fragen der menschlichen Existenz und letztlich als ein Geschenk sehen. 

Interessant war der Verweis auf die Religionspädagogen Fritz Oser und Paul Gmünder, welche eine Entwicklung des Glaubens im Laufe des menschlichen Lebens sehen. Danach sieht das Kind bis ins Alter von etwa sieben Jahren in Gott jenes Wesen, das alles kann und alles weiss. Diese fraglose Haltung ändert sich im Zeitraum der nächsten sechs Jahre. Nun beginnt das Kind mit Gott zu verhandeln: «Ich tue recht, dafür musst du mir etwas zurückgeben.» In der Regel folgt darauf eine Zeit, in der sich das Kind gegenüber Gott autonom und oft auch recht distanziert fühlt. Schliesslich kann der reifer werdende Mensch erkennen, dass der Glaube ein wichtiges Element seines Lebens bildet. 

Wie glaubt die Schweiz? 

Anhand aussagekräftiger Karten und Statistiken durchleuchtete der Referent den heutigen Zustand der Religiosität in der Schweiz. Dabei wurde klar, dass der Unterschied zwischen Reformierten, Katholiken und erstaunlicherweise auch Muslimen in Bezug auf den Besuch des Gottesdienstes unwesentlich ist. Bei diesen allen ist der Anteil der Personen, die ihren Religionen nicht sehr aktiv teilnehmend zugehörig sind, am grössten. Wesentlich anders sieht es bei Menschen aus, die Mitglied einer Freikirche sind und regelmässig deren Gottesdienste besuchen.

Aufschlussreich ist eine Statistik, die aufzeigt, dass die Religion vor allem in schwierigen Momenten des Lebens, im Fall von Krankheit, in der Einstellung zu Natur und Umwelt und in der Erziehung der Kinder eine wichtige Rolle spielt.

Interessant ist die Feststellung, dass der Glaube an einen einzigen Gott bei den Muslimen wesentlich weiter verbreitet ist als bei den Christen, die häufiger etwas allgemeiner von einer höheren Macht und nicht von einem persönlichen Gott sprechen. Die These von Konrad Schmid, dass die Religion mitnichten verschwinde, wird dadurch bestätigt, dass zwei Drittel der Konfessionslosen an Gott oder an eine höhere Macht glauben. 

Weder banal noch gefährlich

Hier nun stellte der Referent die Forderung nach einer «gepflegten» Religion und meinte damit eine denkerisch gestaltete Religion, die aus dem Staunen entsteht, sich aber den Erkenntnissen der heutigen Zeit nicht verschliesst. Eine «ungepflegte Religion» droht entweder völlig banal zu werden oder dann gefährlich, intolerant, fundamentalistisch. Die wichtigste Fähigkeit für eine lebensdienliche Religion sei es, fähig zur Selbstkritik zu sein. 

Konrad Schmid zeigte, dass sich das Christentum diese Fähigkeit in einem langen, schmerzlichen und konfliktreichen Prozess hat erarbeiten müssen. So habe wohl erst die Einsicht vom 30-jährigen Krieg, dass sich religiöse Differenzen nicht mit Gewalt klären lassen, zur Toleranz und zum Christentum als Religion des Friedens geführt.

Religion als Geländer bei Fragen nach dem Warum

Seine Ausführungen fasste der Referent in der Formulierung zusammen: «Religion ist das kulturell vermittelte Sich-Verhalten zum Unverfügbaren.» In der anschliessenden Diskussion wünschte man sich eine fassbare Erklärung zu dieser knappen Aussage. Mit dem Unverfügbaren ist die Tatsache gemeint, dass wir hier und jetzt und in unseren persönlichen Umständen und Geschicken leben, die wir zumeist nicht selbst gemacht haben. Die Religion bildet gleichsam das Geländer, an dem wir uns bei Fragen nach dem Wie und Warum und Wohin halten können. Ausserdem schaffen wir die Religion nicht aus uns neu. Wir stehen in der christlichen Tradition.

Der Abend hat viel zum Bewusstsein beigetragen, dass wir dankbar und stolz sein dürfen, einer Weltreligion anzugehören, die uns zu freien und mündigen Menschen macht.

Entscheidungen in der Kunst

Zur Tradition der Winterreihe gehört auch ein Besuch im Zürcher Kunsthaus. Die Kunsthistorikerin Madeleine Witzig machte mit viel Sachverstand und grossem Einfühlungsvermögen auf Entscheidungen aufmerksam, zu denen sich Maler durchgerungen haben. Ausgehend von der religiösen Kunst des 14. und 15. Jahrhunderts zeigte sie an Beispielen von Stillleben aus der niederländischen Malerei Elemente reformatorischen Denkens auf, zu denen sie unter anderem genaue Beobachtung, Symbolik und die Freude an Spiegelungen zählt.

Mondrian suchte als ursprünglicher Landschaftsmaler mit immer grösserer Abstraktion nach einer allgemeingültigen Darstellung, die ihn zur gegenstandslosen Kunst führte. 

Die «Entscheidungs-Tour» führte über Bilder von Robert Ryman, Paul Klee, Van Gogh, Paul Cézanne und Edgar Degas zu Wilhelm Lehmbrucks Skulptur «Emporsteigender Jüngling». Die Teilnehmenden erlebten nicht nur Künstler, die epochemachende Entscheidungen trafen. Sie kamen gleichzeitig in den Genuss einer kompetenten Führung durch 700 Jahre Malerei.

xeiro ag