Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen

Regen und Worte gegen Risse

«Regierungsräte wollen an Schulen für Arme werben» – so las ich, noch etwas verschlafen, die Schlagzeile einer Tageszeitung und wunderte mich: Ist das jetzt die Art und Weise der Regierungen, wie sie der Präambel der schweizerischen Bundesverfassung Nachachtung verschaffen wollen bei der Jugend. Dort heisst es ja, dass sich die Stärke des Volkes misst am Wohl der Schwachen.

  • Blühende Gärten – Sinnbild des menschlichen Zusammenlebens. Gute Worte sind wie Regen und Sonne zusammen. Foto: MAZ

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Aber nein, ich hatte mich verlesen. Nicht für Arme wollen sich die Regierungsräte engagieren, sondern für die Armee wollen sie werben.

Zum eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag hätte meine falsche Lesart gut gepasst. Es geht um ein eidgenössisches Innehalten, zu dem durchaus auch die Sichtung des Problems der Armut in diesem reichen Land gehört. Die Dürre dieses Sommers hat zu grossen Rissen geführt, wie man sie sonst fast nur aus andern Ländern kennt. Und auch im Garten des schweizerischen Zusammenlebens zeigen sich vermehrt Risse. 

Die Kluft zwischen Arm und Reich wird breiter, und was mindestens so verheerend ist: Die Kluft zwischen unterschiedlich denkenden Menschen wird grösser. Zeit für Gespräche und Verständigung fehlt immer mehr, und im Internet trifft oft nur gleich auf gleich. So wird zwar die Meinungsäusserung immer einfacher, die Meinungsbildung aber immer schwieriger.

Regen wurde und wird dringend ersehnt. Im Alten Testament vergleich der Prophet Jesaja Gottes Wort mit dem Regen, der die Risse der Erde wieder schliesst und sie fruchtbar macht.

Was gehört zu diesem göttlichen Wort? Es ist die Zusage, dass jeder Mensch Gott so kostbar ist wie der Augenstern (Psalm 17,8), dass im Kind, welches Gewalt erleidet, Gott selbst geschlagen wird. Dieser Regen sollte die Erde unseres Gartens des Zusammenlebens wieder weich machen und uns alle zum Blühen bringen. 

Doch die Schweiz ist ein «Entwicklungsland, was die Kunst des Zusammenlebens angeht» (Sacha Batthyany). So plädiere ich anlässlich dieses Bettags für die Beherzigung der göttlichen Regen-Worte der Bibel und zusätzlich für das wohltuende Regnenlassen von Worten im alltäglichen Zusammensein. Müssen wir denn stets so griesgrämig und wortlos in der Schlange stehen? Die Bewohnerinnen und Bewohner der «ältesten Demokratie» der Welt getrauen sich nicht, mit fremden Leuten vom Wetter oder der schönen Handtasche oder – o Gott! – von der nächsten Abstimmung zu reden? 

Die neuste Glücksforschung besagt, dass Menschen umso glücklicher sind, je mehr Beteiligungsmöglichkeiten sie haben. Wie glücklich können wir da sein in der demokratischen Schweiz und wie viel glücklicher könnten wir – mit etwas Mut – noch werden! 

 

xeiro ag