Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen

Meilen im Landesgeneralstreik 1918

Was gegenwärtig in den Medien zum Landesgeneralstreik im November vor hundert Jahren als Ereignis der nationalen Geschichte ausgeführt wird, braucht hier nicht dargestellt zu werden. Wichtig ist indessen der Hinweis, dass der Streik von Branche zu Branche und von Region zu Region recht unterschiedlich befolgt wurde, je nachdem ob es sich um mehr ländliche oder städtische Gebiete handelte. In unserer Gegend verhielten sich das rechte und das linke Ufer ziemlich unterschiedlich.

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Ein Stück weit widerspiegelt sich dies sogar innerhalb unserer Seeseite von Gemeinde zu Gemeinde, so zum Beispiel zwischen dem stärker industrialisierten Stäfa und dem weniger industrialisierten Meilen. Dementsprechend wurde etwa die «Zürichsee-Zeitung» bestreikt, nicht aber das kleinere «Volksblatt». In Meilen mussten diverse Betriebe – die Fabrik für alkoholfreie Weine (heute Midor), die Gerberei Wunderly und die Seidenfabrik Fierz & Blattmann – gar nie schliessen, einige andere Betriebe nur zwei Tage, obwohl es mit der hiesigen Arbeiterunion (Verbund von lokaler Gewerkschafts- und SP-Sektion) durchaus eine zentrale Streikleitung gab. Aber auf der Gegenseite stand die «stramm organisierte Bürgerwehr», wie das «Volksblatt» sich ausdrückte. Solche freiwilligen Bürgerwehren verharrten zwar meist «Gewehr bei Fuss», wirkten aber bereits durch ihre Existenz, war doch etwa die hiesige nicht nur mit mit Knüppeln und Peitschen, sondern auch mit Schusswaffen ausgerüstet. Allgemein lässt sich für Meilen sagen, dass wir im Detail über Abwehrmassnahmen gegen den Streik besser unterrichtet sind als über den Streik selbst. Allerdings: Vom Generalstreik kriegte man natürlich auch in Meilen etwas mit, indem über mehrere Tage kein Zug mehr fuhr.

Werden wir bezüglich geplanter Abwehrmassnahmen konkret: Am Montag, 11. November, dem ersten Streiktag, läuteten nachts elf Uhr die Kirchenglocken plötzlich Sturm. Es verbreitete sich das Gerücht, die lokale Arbeiterunion werde Hilfe von Zürich erhalten. Deshalb rottete sich die Bürgerwehr spontan zusammen und harrte der Dinge. Dann aber stellte sich heraus, dass es sich beim Sturmläuten bloss um die Mobilisation der Landsturmkompanie II/60 handelte. Die hatte sich sofort in Männedorf zu besammeln, um tags darauf nach Zürich zu ziehen, wo sie Platzdienst leisten sollte. So zerstreute sich die Bürgerwehr wieder.

Einmal schlug sie indes durchaus über die Stränge: Sie masste sich polizeiliche Kompetenzen an und «verhaftete» einen deutlich links stehenden Niedergelassenen, Dr. Rudolph Laemmel, in seinem Haus in Feldmeilen; sie zwang ihn, mit ihr ins Dorf zu marschieren, und lieferte ihn im Bezirksgefängnis ab. Laemmel hatte vorher in einer Ansprache zum ersten Jahrestag der Russischen Revolution auf eher ungeschickte Art ausgeführt, das «Licht einer neuen Morgensonne» werde auch in den «hintersten Winkel» Meilens strahlen, was dann die Bürgerwehr als Aufruf verstanden haben wollte, das Quartier Winkel anzuzünden. 

Noch skurriler wirkt die folgende mündlich überlieferte Anekdote, die wir 1987 aufgezeichnet haben: Der als «rauer Mensch» beschriebene Schmied Schlumpf, tätig ebenfalls im «Winkel», soll damals Hellebarden geschmiedet und seine Nachbarn aufgefordert haben, sich damit auszurüsten, um Streikende gemeinsam abzuwehren, falls solche von Zürich nach Meilen kämen. Aber keiner seiner Nachbarn erklärte sich zum Mitmachen bereit, und es waren gar nie solche städtischen Streikbrigaden im Anmarsch. 

Der landesweite Streik hatte seinen Anfang in Zürich genommen, und zwar wegen der vorher erfolgten militärischen Besetzung der Stadt.

Willi Münzenberg, geboren 1889, war deutscher Kommunist und Agitator, bekannt mit Lenin, aktiv im Zentralvorstand der schweizerischen Jungsozialisten und Leiter des Internationalen Jugendsekretariates in Bern. Er wurde anschliessend nach dem Gefängnisaufenthalt im Meilemer Bezirksgefängnis aus der Schweiz ausgewiesen.

Vgl. vom selben Verfasser: «Besondere Häftlinge» [im Meilemer Gerichtshaus], «Heimatbuch Meilen» 1993.

xeiro ag