Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen

Lokale Art Brut zu erschwinglichen Preisen

Das Ortsmuseum Meilen zeigt Bilder von Bewohnern und Bewohnerinnen mit kognitiver Beeinträchtigung aus dem Malatelier der Martinstiftung Erlenbach.

  • Wenn man die Farbe einfach laufen lässt, entstehen Bilder, die an Blumen oder an einen Urwald erinnern. Foto: zvg

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Das Ortsmuseum stellt seine schönen Räume für eine ganz spezielle Ausstellung zur Verfügung. Der Ausstellungstitel – «malen einmal anders» – könnte allerdings verwirrend sein, denn die Techniken und Materialien sind auch bei den Werken der Bewohnerinnen und Bewohner der Martinstiftung dieselben wie bei der akademischen Malerei. Doch die Kunst ist eine ganz andere, nämlich reine Art Brut.

Bereits in den 1920er-Jahren begann in Hamburg Professor Prinzhorn damit, die Kunst psychisch Kranker zu sammeln, erkannte er doch nicht nur den therapeutischen, sondern auch den künstlerischen Wert dieser Kunst. Ihm folgten schnell Professor Morgenthaler in der Waldau (Wölflin und Soutter) in Bern sowie die Klink in Münsterlingen (Kirchner). Im Ausland entstanden in den 1960er-Jahren La Tinaia in Florenz und Gugging in Wien sowie in allen übrigen Ländern Museen und Sammlungen. Bis dahin nannte man diese Kunst Psychiatriekunst. 

Reine, ehrliche Kunst

Der berühmte französische Maler Jean Dubuffet wollte 1948 keine «akademische Kunst» mehr, sondern nur noch Kunst von künstlerisch nicht verbildeten Aussenseitern. Er nannte diese Kunst «Art Brut», also reine, ehrliche Kunst. Heute ist diese Kunstrichtung weltweit anerkannt. Seit 1968 gibt es den Begriff «Outsider-Kunst», der auch die Naiven und die Bauernmaler umfasst. Diese Kunst ist  nicht vom Intellekt geprägt, sondern ensteht aus dem Innersten des Menschen und offenbart seine Erlebnisse, Ängste und Freuden. Perspektiven und Grössen mögen nicht stimmen, es fasziniert stattdessen die unglaubliche Kraft der Werke.

Die im OMM ausgestellten Kunstwerke, entstanden unter Anleitung von Denir de Melo in intensiver Zusammenarbeit mit den Kunstschaffenden im Atelier, sind fast zu schön, zu regelmässig. Und doch faszinieren sie – aber man muss sie genau betrachten. 

Mickey-Mouse-Zimmer links beim Eingang

Im ersten Raum links sind lauter heitere Bilder zu sehen. In diesem sogenannten Micky-Mouse-Zimmer eröffnet sich auf Comics eine ganz neue Sichtweise. Miriam, Jolanda und Barbara zerschnitten und zerrissen Micky-Mouse-Hefte und -Bücher und liessen aus den Papierschnipseln heitere, ja lustige neue Micky-Mouse-Bilder entstehen. Was die drei hier schufen, ist beste Art Brut. Zwei Collagen wurden nicht auf Papier oder Leinwand, sondern auf Wegwerfholz geklebt.

Im Raum rechts befinden sich sehr schöne abstrakte Bilder, die teils dadurch entstanden, dass die Farben einfach laufen gelassen wurden, was eindrucksvolle Stimmungen ergibt, die an Blumen oder an einen Urwald erinnern. 

Ein typisches Art-Brut-Bild schuf Gabriela. Es ist hochformatig, schmal und hat einen goldig-braunen Untergrund. Darin über das ganze Format fünf bemalte Kieselsteine und schwarze Schriftzeichen als Gabrielas Unterschrift. Denir de Melo wollte, dass sie ganz klein unterschreibt, was Gabriela aber verweigerte. 

Carole Spicher erstellt kleine Farbstiftzeichnungen, etwa von Spider-Man. Sie weigert sich aber, sie frei zu geben. Also machte die Kursleiterin von den Zeichnungen eine Fotografie, vergrösserte und laminierte sie. Das zeichnerische Können Caroles zeigt sich in der Vergrösserung, indem das Bild nicht auseinanderfällt. 

Etwas problematischer sind die Mandalas, sehr schöne und exakt ausgemalte Rosenbilder. Aber wenn man weiss, wie viel Konzentration und Geduld das Ausmalen erfordert, sind auch diese Bilder bewundernswert.

Hervorragendes Kuh-Porträt

Eine äusserst starke Art-Brut-Künstlerin ist Caroline. Sie zaubert mit Farbstift wie mit Acryl wunderschöne Blumen und Wetterstimmungen auf Papier und Leinwand. Hervorragend gelang ihr das Porträt einer Kuh. Beeindruckend sind auch die Arbeiten von Melanie, die mit geschlossenen Augen lineare Muster malt und die Farbe einfach laufen lässt.

Es können aus Platzgründen nur einige der Künstlerinnen und Künstler erwähnt werden, aber allen gebührt Respekt und Bewunderung, denn was sie geleistet haben, verlangt ihnen enorm viel ab. 

Wer sich näher mit Art Brut befassen will, dem sei ein Besuch in der Art-Brut-Sammlung von Lausanne empfohlen, wo sich die gesamte Sammlung Dubuffets befindet. Zu empfehlen sind auch das Musée Visionnaire, Zürich, und das Museum Lagerhaus, St. Gallen. Wichtig ist, dass man den Werken der Künstler mit Respekt begegnet. Die Preise sind so tief berechnet, dass hoffentlich fast Bilder Abnehmer finden. 

Die Vernissage findet statt am Freitag, 10. Mai, 18.30 bis 21.30 Uhr mit Gesang und Apéro. Am 19. Mai bietet die Musikschule Pfannenstiel um 17.00 Uhr ein buntes Repertoire. Die Ausstellung ist geöffnet samstags und sonntags von 14.00 bis 17.00 Uhr und dauert bis am 2. Juni.

xeiro ag