Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen

Liebe Meilemerinnen und Meilemer

Seit einem knappen Monat gilt die vom Bundesrat angeordnete Zertifikatspflicht in Restaurants und Bars, in Museen und Bibliotheken, in Kino- und Theatervorstellungen, bei Konzerten und bei Sportanlässen in Innenräumen. Die Meinungen darüber, ob das sinnvoll sei, sind geteilt. Persönlich geniesse ich diese offenbar neue Normalität, mich dank der 3-G-Regel nun ohne Gesichtsmaske in einem Restaurant bewegen, ein Konzert besuchen oder sich in einer Sitzung unvermummt gegenübersitzen zu dürfen.

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Natürlich wäre es uns allen lieber, wenn sich eine solche Kontrolle als nicht mehr nötig erwiese. In den skandinavischen Ländern wurden in jüngster Zeit beinahe sämtliche Corona-Schutzmassnahmen aufgehoben und «Freedom Days» gefeiert. Auch in Portugal und Spanien scheint die Pandemie fast überwunden zu sein. Doch leider sind wir in der Schweiz noch lange nicht so weit. Dafür ist die Impfquote bei uns viel zu niedrig, die Anzahl Spitaleinlieferungen immer noch zu hoch und die Situation auf den Intensivstationen nach wie vor angespannt. 

Bloss rund 57 Prozent der Gesamtbevölkerung sind in der Schweiz vollständig geimpft. Mit anderen Worten: Die Schweiz hat eine der tiefsten Impfraten in Europa. Mit der Ausweitung der Zertifikatspflicht ist die Nachfrage nach einer Impfung in den letzten Wochen zwar etwas gestiegen, so auch in Meilen. Am letzten Freitag haben sich 233 Personen im Impfbus auf dem Dorfplatz eine Dosis Vakzin applizieren lassen. Wir haben in unserer Gemeinde inzwischen eine schweizweit vergleichsweise relativ hohe Impfquote, aber eben: nur relativ. Wir sind noch weit entfernt von den Zahlen, wie sie anzustreben sind.

Fachleute gehen davon aus, dass bei den 18- bis 65-Jährigen eine Impfrate von mindestens 80 Prozent nötig sei, um die aktuell angeordneten Massnahmen aufheben zu können. Der Bundesrat plant nun eine Impfoffensive. Unter anderem sollen diejenigen, die einen Freund, eine Nachbarin, einen Arbeitskollegen oder ein Familienmitglied vom Nutzen der Impfung überzeugen, mit einem 50-Franken-Gutschein belohnt werden. Diese Idee mag gut gemeint sein, ist aber bedenklich. Es darf aus meiner Sicht von jedem vernünftigen und verantwortungsvollen Menschen auch ohne pekuniäres Zückerchen erwartet werden, dass die Gefahr einer weiteren Infektionswelle erkannt wird. Und wer skeptisch ist und wer zögert, soll sich mit guten Argumenten und nicht mit einem Gutschein überzeugen lassen.

Viel eher sollen die objektiven Zahlen zum richtigen Entscheid führen: Dass in den Spitälern kaum mehr Herz-Lungen-Maschinen frei sind, ist eine Tatsache. Zudem ist bewiesen, dass in den Kantonen mit einer hohen Impfquote die Anzahl Neuinfektionen tief ist – und umgekehrt. In Appenzell Innerrhoden mit einer Quote von etwa 50 Prozent stecken sich beinahe zehn Mal mehr Leute an als im Kanton Tessin, wo über 65 Prozent der Bevölkerung mindestens eine Impfdosis erhalten haben.

Es ist mir durchaus bewusst: Ein Zwang ist nie das richtige Mittel; ein negativer Impfentscheid ist selbstverständlich zu respektieren.

Von mir aus ist auch zu respektieren, wenn sogenannte Freiheitstrychler in mit Edelweiss und Enzian bestickten Hirtenhemden an Anti-Corona-Demonstrationen mitmarschieren. Allerdings bin ich kein Freund von solchen Kundgebungen. Es werden damit die Symbolik der Treichel und ein jahrhundertealter und schöner Schweizer Brauch, mit dem Lärm der Glocken die bösen Geister zu vertreiben, arg missbraucht. Nicht nachvollziehen kann ich, dass diese selbsternannten Hüter der Verfassung, die nicht einmal davor zurückschrecken, aufs Bundeshaus zu stürmen, dermassen viel unverdiente Präsenz in den Medien bekommen.

Die zum Teil weit über das akzeptable Mass hinausgehende Polemik mit Drohungen überschreitet die Grenzen des Anstands und der Rücksichtnahme. Es ist eine kleine Minderheit von Provokateuren, die gegen die Regierung und letztlich gegen die Mehrheit der Bevölkerung aufhetzt. Und das darf nicht gebilligt werden.

Das Corona-Virus ist eine temporäre Gefahr, sie geht vorüber. Hingegen könnte das Gewaltpotenzial von denjenigen, die zum Kampf gegen den demokratischen Rechtsstaat aufrufen, die Pandemie überdauern. Das ist ernst zu nehmen. Mir machen die immer öfter zu beobachtenden Gehässigkeiten, die sich zwischen Geimpften und Impfgegnern entladen, Sorgen. Es gibt bereits Stimmen, die von einer Spaltung der Gesellschaft sprechen.

Da lobe ich mir die Atmosphäre, wie ich sie in unserer Gemeinde immer wieder in vielen persönlichen Gesprächen erleben darf. Herbstmärt und Chilbi – beide Veranstaltungen konnten in bester Stimmung durchgeführt werden – gaben zahlreiche Gelegenheiten für Begegnungen. Bei uns wird der Dienst an der Gemeinschaft hoch gehalten und es fehlt nicht am Pflichtgefühl, sich zugunsten der Gesellschaft einzusetzen. Freiheit gibt es nämlich nicht allein mit dem Schwenken von Treicheln, sondern vor allem mit Solidarität. Und Freiheit drückt sich kaum darin aus, eine Regierungsrätin mit Apfelmost zu überschütten, sondern vielmehr mit dem Übernehmen von Verantwortung – für sich selber und für die Mitmenschen.

Ich bin froh, dass uns das bewusst ist. Ich wünsche Ihnen, liebe Meilemerinnen und Meilemer, einen goldenen Herbst und allen, die Ferien vor sich haben, gute Erholung und etwas Abstand vom Alltag mit lästigen und letztlich müssigen Auseinandersetzungen über Sinn und Unsinn der geltenden Schutzmassnahmen.

Christoph Hiller, Gemeindepräsident

 

xeiro ag