Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen

Liebe Meilemerinnen und Meilemer

Am 8. Mai 1945 hat im Hauptquartier der Alliierten in Reims Generaloberst Jodl für die deutsche Wehrmacht die bedingungslose Kapitulation unterzeichnet, einen Tag darauf hat Generalfeldmarschall Keitel am Sitz des Oberkommandierenden der Roten Armee in Berlin die Niederlage ratifiziert.

  • Christoph Hiller. Foto: MAZ

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Heute, 75 Jahre später, wird die Coronakrise von Uno-Generalsekretär António Guterres, von Bundeskanzlerin Angela Merkel und von vielen anderen als die grösste Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg bezeichnet. In dieser verkürzten Form des Vergleichs ist die Aussage natürlich falsch und zynisch. 

Der Krieg wurde vom völkischen Nationalsozialismus, also von Menschen ausgelöst und nicht von einem Virus. Der Zweite Weltkrieg dauerte sechs Jahre, verursachte unglaubliches Elend und forderte mehr als 60 Millionen Tote. Europa lag in Schutt und Asche. Die Voraussetzungen für einen Wiederaufbau waren denkbar schlecht: Auf dem deutschen Volk lastete eine schwere kollektive Schuld; eine Aussöhnung schien unmöglich. Doch auch innerhalb der Siegermächte, nämlich zwischen Amerika und der Sowjetunion, herrschte eine ideologische Kluft, die die Rückkehr in den Frieden nicht einfach machte. 

In verschiedener Hinsicht lässt sich der Zweite Weltkrieg wie gesagt nicht mit heute vergleichen. Was allerdings stimmt, ist, dass die Folgen von Covid-19 den grössten Wirtschaftseinbruch seit dem Zweiten Weltkrieg bedeuten. Weltweit, aber ebenso in der Schweiz.

In der Nachkriegszeit litten die Generationen meiner Grosseltern und Eltern unter einer schlimmen Rezession, die sich erst zwei Jahrzehnte später erholte. Auch hier wird der Vergleich hinken: Der Wohlstandsrückgang, zu dem Corona führt, wird zwar ebenfalls sehr schmerzhaft sein, und es wird ebenfalls viele Jahre dauern, bis die ökonomischen Schäden behoben sind. Doch – soweit das ein Trost ist – mindestens in unserem Land beginnt die zu erwartende Depression zum einen auf einem hohen Niveau (auch wenn das Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt um zehn Prozent einbricht, liegt es immer noch wesentlich höher als um die Jahrtausendwende), zum andern ist das Netz der sozialen Sicherheit gut ausgebaut und wird die Not von Arbeitslosigkeit lindern. 

Die wirtschaftlichen Folgen des Lockdowns dürfen nicht verharmlost werden, doch wir können auch mit Zuversicht damit rechnen, dass jetzt – mit dem schrittweisen Ausstieg – die Konjunktur nach und nach wiederbelebt wird. Voraussetzung für die Ankurbelung der Wirtschaft ist natürlich, dass tatsächlich auch wieder konsumiert wird; im Grossen wie im Kleinen. Einmal mehr empfehle ich Ihnen dafür das Meilemer Gewerbe, die Meilemer Gastronomie und den Meilemer Detailhandel.

Wenn ich die Generationen erwähne, die den Zweiten Weltkrieg und dessen Folgen erlebt haben, dann denke ich auch an alle Bewohnerinnen und Bewohner des Alters- und Pflegeheims Platten beziehungsweise des vorübergehenden «Exils» in Küsnacht sowie des Tertianums in der Parkresidenz. Seit zwei Monaten gilt ein strenges Besuchsverbot, das erst jetzt mit speziell eingerichteten Zonen aufgeweicht werden darf. Dieses Verbot ergibt zwar Sinn, denn Covid-19 macht insbesondere ältere Menschen zu Hochrisikopatienten. Doch die Isolation führt zu Vereinsamung, was der Gesundheit alles andere als zuträglich ist, und ist nur schwer zu ertragen. 

Zum Glück ist immerhin dank Telefon oder Sprachnachricht oder sogar dank Skype die Verbindung zur Aussenwelt und zur Familie möglich. Nicht möglich ist aber zum Beispiel das Überbringen von persönlichen Glückwünschen bei hohen runden Geburtstagen. Die Mitglieder der Gruppe von Freiwilligen, die jeweils im Namen des Gemeinderats einen Blumenstrauss und ein Geschenk überbringen, vermissen diese Besuche. Und ich selber vermisse sie auch, sind doch die Gespräche mit den Jubilarinnen und Jubilaren immer sehr bereichernd. 

Es bleibt mir in diesen Tagen nur übrig, zum Geburtstag ein handschriftliches Kärtchen zu schicken, was einen persönlichen Kontakt nicht ersetzen kann. Aber auch in dieser Hinsicht gilt es, mit Eigenverantwortung und Vernunft zu handeln – und mit Zuversicht darauf zu hoffen, dass die Einschränkung unserer Freiheiten dank einer weiterhin tiefen Zahl von Neuinfizierten bald aufgehoben und eine Rückkehr in den Alltag möglich wird.

Wir haben es selber in der Hand. Halten wir uns diszipliniert an die Abstands- und Hygieneregeln, vermeiden wir Ansammlungen mit mehr als fünf Personen und bleiben wir bei Gefährdung zu Hause. Liebe Meilemerinnen und Meilemer, vergessen Sie nicht: Wenn wir uns selber schützen, schützen wir auch unsere Mitmenschen!

 

xeiro ag