Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen

Leben heisst hoffen

Ein weiteres Mal hat das Vorbereitungsteam der Winterreihe mit dem Thema, wie man «gut erwarten» kann, einen Nerv getroffen. Dass sich der Kirchenraum wieder füllte, dürfte auch der prominenten Referentin Prof. Dr. Verena Kast zuzurechnen sein.

Verena Kast hat sich als Psychologin grosses Ansehen im Erforschen von Emotionen erworben und referierte zum Thema «Gut erwarten lernen – offen für das Unerwartete». 

Zu Beginn setzte sie sich mit den beiden Begriffen Hoffnung und Erwartung auseinander. Hoffnung begleitet unser Leben. Sie gleicht einem unsichtbaren Licht, von dem wir im Innersten wissen, dass es uns zu einem guten Ziel führen wird. Ohne Hoffnung können wir nicht leben. Während Hoffnung stets auf Besseres ausgerichtet ist, können Erwartungen gut oder schlecht sein. Es gilt, in unseren Erwartungen die goldene Mitte zu finden. Die Referentin brach eine Lanze für Tagträume. Wer glaubt, sie seien versäumte Arbeitszeit, liegt falsch. In ihnen können wir erfahren, welche Erwartungen wir an uns selbst und an andere stellen. 

Im Teufelskreis schlechter Gefühle

Unsere Erwartungen werden stark von Gefühlen geprägt. Wenn jemand den Eindruck hat, er komme immer zu kurz, werden auch seine Erwartungen von diesem Gefühl geprägt. Er kann die Welt nur noch unter diesem Aspekt sehen und wird seinen Eindruck, erneut zu kurz gekommen zu sein, bestätigt sehen. Dazu gesellt sich rasch das Gefühl, er hätte Besseres verdient. Diese unrealistische Erwartung wird sich aber schon deshalb nicht erfüllen, weil seine Umwelt von seinem Gefühl, er komme stets zu kurz, nichts weiss. Wichtig ist es, ein solches Problem bei sich selbst zu erkennen. Mit vielen Komplexen können wir selbst umzugehen lernen. Kann man sie nicht lösen, ist externe Hilfe angezeigt.

Anpassung bis zur Selbstaufgabe?

Oft erwarten wir bei unserem Reden und Handeln vom Partner eine bestimmte Reaktion. «Das wird man doch erwarten dürfen», ist eine gängige Formulierung. Reagiert der Partner anders, als wir es erwartet haben, sind wir enttäuscht. Würde man aussprechen, was man genau erwartet, liesse sich mancher Konflikt vermeiden. Der Partner könnte dann zur Erwartung Stellung nehmen und sie akzeptieren, ablehnen oder einen Kompromiss vorschlagen. Bleibt eine Klärung aus, so bilden wir uns selbst eine Ansicht darüber, was der Partner von uns erwartet. Das führt dazu, dass wir vermutete Erwartungen dauernd zu erfüllen versuchen. Ein banales Beispiel: Die Partnerin glaubt, dem Partner liege viel am Sonntagsbraten. Liebevoll bereitet sie ihn jeden Sonntag zu, bis sie in einem klärenden Gespräch erfährt, dass der Partner schon längst Abwechslung vorziehen würde.

Dauernde Anpassung an die wirklichen oder vermeintlichen Erwartungen des andern hängt oft mit dem Wunsch zusammen, dafür von ihm geliebt zu werden. Diese Hoffnung ist ein Irrtum. Wenn jemand seine eigenen Erwartungen stets zurückstellt oder ganz aufgibt, läuft er Gefahr, dass sich unter der Oberfläche Ansprüche aufstauen, die irgendwann heftig durchbrechen können. 

In einer positiven Beziehung gilt das Selbstbestimmungsrecht eines jeden Partners. Wie aber kommen wir aus einer zu starken Anpassung heraus? Zuwarten führt nicht zum Ziel. Der Angepasste muss sich dazu durchringen, Verantwortung für sein eigenes Leben zu übernehmen.   

Gut erwarten

Was heisst nun «gut erwarten»? Wir müssen uns Rechenschaft darüber geben, ob wir zu hohe oder zu geringe Ansprüche an uns und andere stellen. Bisherige Erfahrungen helfen uns, die Zukunft zu gestalten. Dabei dürfen wir auf unsere Vorstellungskraft vertrauen. Sie hilft uns zu erkennen, was im Leben, in der Beziehung noch besser sein könnte. Als wichtiges Element bezeichnete die Referentin die Vorfreude. In ihr spielen Imagination und Freude, aber auch Interessen eine wichtige Rolle. Die Vorfreude ermöglicht es uns, die Menschen so zu sehen, wie wir sie uns wünschen. Dabei wird uns bewusst, was wir eigentlich möchten.

Abschliessend meinte Verena Kast, dass uns heute viel mehr Möglichkeiten offenstehen als früheren Generationen. Damit wachsen aber auch unsere Ansprüche und Erwartungen. Viele von ihnen können nicht erfüllt werden. Das dürfte der Grund für die Unzufriedenheit mancher Menschen sein. Wir sollten uns viel Raum für Unverhofftes schaffen.

In der anschliessenden Diskussion war von Hoffnung und Vertrauen die Rede. Die Referentin plädierte für mehr Freude, Freundlichkeit und Lachen.

xeiro ag