Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen

«Lassen Sie mein Leben nicht verloren gehen!»

«denn ich leide mit ihm den Schmerz, oh ich bitte Sie gnädiger Herr General, haben Sie erbarmen (sic.) mit zwei jungen Menschenherzen.» Ulrich Wille hatte während des Ersten Weltkriegs mehrere Tausend Gnadengesuche mit solch aufwühlenden Sätzen zu beurteilen.

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Mehr als die Hälfte der rund 7300 durch ein Militärgericht Verurteilte, ihre Eltern, Ehefrauen, Verlobte, Freundinnen, Pfarrer, Gemeindebehörden usw. versuchten auf diesem Weg eine Haftverkürzung oder Freilassung zu erwirken. Lea Moliterni Eberle hat sich diesem umfangreichen Schriftgut in ihrer Dissertation angenommen und 39 Fälle ausgewählt und diese mit akribischer Sorgfalt analysiert.

Forschungslücke geschlossen

Schon Carl Helbling hat in seiner 1957 erschienenen, aber immer noch grundlegenden Biographie des Generals darauf hingewiesen, dass eine wichtige Seite von Willes Tätigkeit im Bericht an die Bundesversammlung fehle. In unendlicher Kleinarbeit habe er «eingehend und geduldig» die an ihn gerichteten Gnadengesuche beurteilt, Erkundigungen eingezogen und dann entschieden. Er habe oft «gleich einem Privatmann still geholfen, wenn die staatlichen oder sozialen Einrichtungen aus formalen Gründen versagten». Die vorliegende Studie schliesst nun diese Forschungslücke weitgehend, auch wenn noch Folgestudien möglich bleiben.

Die Forschungsarbeit ist in fünf Hauptteile gegliedert: Nach einem Problemaufriss folgt ein Modellfall, an dem bereits grundlegende Problemkreise gezeigt werden. Die Bereiche Militär, Recht und Gnade bilden das Kapitel 3. Im folgenden 4. Kapitel werden weitere ausgewählte Fälle analysiert und in einem Fazit sorgfältig gewertet. Neben der Übersicht verwendeter Quellen und der einschlägigen Literatur werden in einem Anhang die einzelnen Fälle noch einmal in alphabetischer Reihenfolge zusammengefasst und mit weiteren wichtigen Beurteilungskriterien versehen (Heimatgemeinden, Wohnorte, Preise von Gütern und Dienstleistungen).

Die Welt der leidenden Bevölkerung

Den Lesern erschliessen sich zwei Hauptgebiete: Erstens Alltagserfahrungen, seelische und soziale Nöte von Wehrmännern und ihren Familien, Ehrbegriffe, geschickte Überzeugungstechniken der Briefschreiber. Es eröffnet sich eine Welt der leidenden Bevölkerung im Krieg. Lea Moliterni Eberle nützt ihre weibliche Sichtweise und stützt sich zudem auf eine solide wissenschaftliche Basis. Zweitens: Die Gnadenpraxis des Generals ermöglicht einen Einblick in bisher kaum wahrgenommene Facetten der Persönlichkeit Ulrich Willes. Der strenge und unbequeme General zeigt sich als mitfühlender, ja sogar sanftmütiger und scharf reflektierender Gnadenherr. Damit wird die schriftpsychologische Analyse von Christine Siegenthaler vollumfänglich gestützt (in: Fuhrer/Straessle, General Ulrich Wille, NZZ, Zürich 2003). Sie hat aufgezeigt, dass die Schrift der Kriegszeit Willes Widersprüchlichkeiten in «chaotischer Ausprägung» zeige: Weichheit, Wärme, Vitalität und Spannung, gemischt mit Unausgeglichenheit und Explosivität. «Sein Urteil geht jetzt weniger über den Kopf, ist mehr durch Instinkt und Gefühl regiert und daher nicht immer rational nachvollziehbar.»

Willes Eigensinn

Trotz seiner Stimmungsabhängigkeit und seinen starken Schwankungen hinsichtlich Sympathie und Antipathie zeigt er sich seiner einzigartigen Machtfülle (Oberbefehlshaber, Gnadenrecht über Militärpersonen und erwachsene Schweizer Bevölkerung, die auch der Militärgerichtsbarkeit unterstand) durchaus gewachsen. Oft entscheidet er gegen die drakonischen Urteile der Militärjustiz, welche nach Kriterien bestrafen musste, welche noch teilweise aus der Zeit der Solddienste stammten. Als eine der interessantesten Erkenntnisse nennt Lea Moliterni Eberle «Ulrich Willes Eigensinn». Dieser Begriff ist oft negativ beladen und signalisiert dann Sturheit und Verschrobenheit. «Eigensinn» ist aber ein Begriff der Kulturgeschichte und der Philosophie (u.a. Jürgen Habermas) und steht für ein eigenständiges Denken und Handeln zwischen prägenden Diskursfeldern der Zeit (Recht, Militär, Theologie etc.). Bereits Hegel sah im Eigensinn die Haltung, «nichts in der Gesinnung anerkennen zu wollen, was nicht durch den Gedanken gerechtfertigt ist», «das eigentümliche Prinzip des Protestantismus». In diesem sozialen und kulturellen Kontext hat sich Ulrich Wille keineswegs chaotisch oder willkürlich bewegt, sondern mit sehr viel «Eigensinn». 

Bei Fällen, in denen ein persönliches Leid im Vordergrund stand oder bei Fällen, in denen er das veraltete Strafrecht als besonders stossend empfand, nutzte er seine Freiheit als einzige Gnadeninstanz entsprechend aus. Ab 1916 erwirkte er eine Freilassung auf Bewährung, was im Militärgesetz nicht vorgesehen war. Reue und Schuldeinsicht waren Voraussetzung für diesen Gnadenakt. Für Wille typisch war auch, dass er bei erkanntem Fehlverhalten der Vorgesetzten den Fehlbaren mildernde Umstände zugestand. Für das Versprechen, wieder als guter Soldat der Landesverteidigung zu dienen, war er empfänglich.

Beitrag zur Militärgeschichte

Die Studie leistet einen wertvollen Beitrag zur «Militärgeschichte von unten» des Ersten Weltkriegs. Für Leserinnen und Leser mit einem negativen Vorurteil gegen den General gilt: Schaut hin und lest, was Niklaus Meienberg verpasst hat. 

Lea Moliterni Eberle, Diss. Universität Zürich, NZZ Libro, Basel 2019. ISBN 978-3-03810-442-1, 487 S.

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