Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen

«Kritik war zu erwarten»

An der Gemeindeversammlung vom 2. Dezember werden die Meilemerinnen und Meilemer auch über das Projekt Burkwil abstimmen, Wohnungen auf Gemeindeland, das im Baurecht eine Stiftung abgegeben werden soll. Wir haben uns mit Stifterin Gabriella Burkard unterhalten.

  • Gabriella Burkard möchte mit «Burkwil» einen Mehrwert für Meilen schaffen. Foto: MAZ

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Zwischen 100 und 120 bezahlbare Mietwohnungen in sechs Gebäuden sollen bis frühestens 2023 dank der privaten, gemeinnützigen Stiftung Burkwil aus Baar (ZG) auf der Obermeilemer Weid entstehen – im Baurecht auf 19'000 Quadratmetern, die der Gemeinde gehören. Stifterin Gabriella Burkard hat die Projektfinanzierung mit einer Bankgarantie im Umfang von 50 Millionen Franken aus ihrem privaten Vermögen sichergestellt, was genau der Bausumme entspricht. Die Stiftung strebt keine Gewinne an.

Indes: Nicht alle Meilemer sind von der Idee begeistert, dass das Bauland nun tatsächlich als solches genutzt werden soll. Die «IG für ein nachhaltiges Meilen», die vor allem aus Anwohnern besteht, hat beim Gemeinderat eine Einzelinitiative für die Erhaltung der Weid als Grünfläche eingereicht und sorgt mit Leserbriefen und Inseraten für Diskussionsstoff.

Wir haben uns mit Gabriella Burkard darüber unterhalten, wieso «Burkwil» gebaut werden soll, wie der Baurechtszins dafür berechnet wird – und wie die Vermietung ablaufen wird.

Wie ist es Ihnen in den Wochen seit der Info-Veranstaltung zu Burkwil von Anfang September ergangen? Treiben Sie das Projekt aktuell weiter voran, oder ist jetzt bis zur Gemeindeversammlung Abwarten angesagt?

Danke der Nachfrage. Mir ging und geht es sehr gut. Viele spannende, ermunternde, aber auch kritisch hinterfragende Mails haben wir erhalten. Die wollten beantwortet werden. Die Zeit bis zur Abstimmung am 2. Dezember nutze ich gemeinsam mit meinen Stiftungsratskollegen, um noch mehr über Holz, Lehm, sowie Gründächer und -fassaden zu erfahren. So können wir nach einem positiven Entscheid die Ausarbeitung des Konzeptes mit den Architekten fortsetzen.

Hatten Sie auch Kontakt zu Meilen und Meilemern? Sie waren am Herbstmarkt – wie war das Feedback?

Sehr gut. Ich habe einige Meilemerinnen und Meilemer kennengelernt oder wieder getroffen und führte konstruktive und aufschlussreiche Diskussionen. Ich hatte grossen Spass am bunten Markttreiben und den vielseitigen Gesprächen.

Bei Anwohnern stösst das Projekt auf Kritik, sie möchten das Bauland als Grünfläche erhalten und haben die «IG für ein nachhaltiges Meilen» gegründet. Wie kommt das bei Ihnen an?

Das war zu erwarten, zumal die Nachbarn an diese offene Fläche gewöhnt sind, und nun soll sie mit neuem Leben gefüllt werden. Die nachhaltige Entwicklung für Meilen ist auch mir bzw. uns als Stiftung ein Anliegen. Wir sind überzeugt, mit unserem Vorhaben einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung von Meilen zu leisten.

Weshalb ist Burkwil für Meilen heute die bessere Lösung als eine nicht verbaute Freifläche?

Ich bin der Überzeugung, dass mit Burkwil sowohl für die heutigen wie für die künftigen Generationen ein Mehrwert erschaffen wird, weil ökologisch und gesellschaftlich wertvoller Wohn- und Lebensraum gestaltet wird. Das steht für mich nicht im Widerspruch zu Natur und längerfristigem, nachhaltigem Denken, sondern ergänzt sie. Wir wollen mit diesem Projekt Vorbild sein, damit es andernorts kopiert und gar verbessert wird. Burkwil mit dem Dollikerbach ist wirklich weitblickend. 

Sie legen beim Projekt Wert auf eine ökologische Bauweise mit Naturmaterialien wie Holz und Lehm. Weshalb?

Aus tiefster Überzeugung. Zum einen muss das Zusammenspiel mit der Natur und der Umgebung stimmen. Wir können uns nicht immer nur über Klimawandel etc. beklagen. Hier haben wir die Chance – wenn auch nur im Kleinen – dem entgegenzuwirken, deshalb unsere Ambition eines «Leuchtturm-Projekts».

Und seien wir mal ehrlich, wir fühlen uns doch alle wohler in einem Raum, der natürlich ist, frei von – unsichtbaren – Chemikalien und anderen belastenden Substanzen. Heutzutage ist Bauen nicht mehr nur eine Frage der architektonischen Gestaltung, sondern es geht auch darum, wie wir das Gebaute unserer Nachwelt übergeben wollen. Genauso müssen wir uns gut überlegen, was mit den Gebäuden geschieht, wenn sie dereinst einmal abgebrochen werden müssen. So will Burkwil den ökologischen Fussabdruck auch dann klein halten und möglichst keinen Sondermüll produzieren, ein langfristiges Ziel! 

Werden die Meilemerinnen und Meilemer bei der Vermietung Vorrang geniessen?

Ja, wir wünschen uns eine gute Durchmischung von Generationen und sozialen Strukturen. Insbesondere bei den sozial schwächeren Bewohnenden werden wir zudem dafür sorgen, dass sie Zugang zu den günstigeren Wohnungen haben. Und wir passen das Vermietungsverhalten so an, dass auch ältere Personen ohne Internetzugang und mit längeren Entscheidungsprozessen die gleiche Chance erhalten. Wir geben uns, aber vor allem jedem Interessierten, genügend Zeit für den Entscheid.

Wichtig ist uns ebenfalls, dass die Bewohnerinnen und Bewohner von Burkwil unsere Wertehaltung und Ideen des verantwortungsvollen Umgang mit unserer Umwelt mittragen.

Weshalb sind Sie vom Standort Meilen überzeugt?

Uns wurde ein Stück Land zugetragen, das genau meinen Vorstellungen entspricht: flach, weit, ein Stück Waldbestand. Zudem bin ich im Bezirk Meilen, genauer in Küsnacht-Goldbach, aufgewachsen. Für mich fühlt es sich an wie Wieder-Nachhausekommen – an «meinen» Zürichsee.

Sind Sie überrascht vom Gegenwind, wo doch der Gemeinderat und besonders auch der Gemeindepräsident hundertprozentig hinter dem Projekt stehen?

Nein. Es gibt immer kritische Menschen, und das ist auch gut so. Sie regen einen zum Nachdenken und Hinterfragen an. Ich empfinde es sogar als hilfreich. Für mich ist aber ein respektvoller Umgang miteinander sehr wichtig. Schliesslich wohnen wir dereinst nebeneinander und begegnen uns öfters, zum Beispiel im Bistro, im Bio-Hofladen, am Dorfbrunnen...

Ein Vorwurf der Gegner lautet, dass der Baurechtszins von mindestens 700'000 Franken pro Jahr sei zu wenig. Können Sie erklären, weshalb der Betrag angemessen ist?

Unser Ziel ist es, die Kostenmiete möglichst tief zu halten. Darum wurde dies mit der Gemeinde so ausgearbeitet. Ein höherer Baurechtszins würde sich ja direkt auf die Miete umschlagen. Für uns war es auch insbesondere wichtig, dass jegliche spekulativ geprägte Landpreisentwicklung verhindert wird. So stimmt es für die Gemeinde wie für uns, es ist eine Win-Win-Situation.

Sie stehen selber in der dritten Lebensphase und möchten dereinst in Burkwil wohnen, es geht beim Projekt also um eine Herzensangelegenheit. Handelt es sich auch um so etwas wie Ihr Vermächtnis?

Ja, das könnte man so sagen. Ich habe keine Nachkommen. Deshalb liegt es mir am Herzen, meinen Nachlass sinnvoll einzusetzen, so dass möglichst viele – Mensch und Natur – etwas davon haben können.

xeiro ag