Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen

Keine Augenwischerei

In unserem Nachbarland, in einem Gebiet in Bayern, gibt es einen schönen alten Osterbrauch: Am Ostermorgen gehen jeweils alle Menschen, die im Dorf wohnen, zum Dorfplatz. Dort waschen sie sich mit dem Wasser aus dem Dorfbrunnen gründlich die Augen aus.

  • Der Meilemer Dorfbrunnen heisst «Kugelwunder/Wunderkugel». Er ist ein Werk des Bildhauers, Malers und Architekten Hans Fischli (1909-1989). Foto: MAZ

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Wieso sie das tun? Das Auswaschen der Augen soll ihnen helfen, die neue Wirklichkeit zu sehen. Die österliche, die versöhnte Wirklichkeit.

Und ich stelle mir vor, wie der erzkonservative, bierbäuchige Stammtischmoralist den jungen aufmüpfigen Freidenker antrifft auf dem Dorfplatz und mit ihm ein paar Worte wechselt. (Man ist ja schliesslich nett zueinander an Ostern.) Und auf einmal erspäht der eine hinter der grobschlächtigen Fassade, der andere hinter der scharfen Zunge jemanden, der eigentlich von der Sehnsucht nach einer besseren Welt getrieben ist.

Oder ich stelle mir vor, wie sich nach dem Augenauswaschen Vertreter linker und rechter Parteien durch den Wasserschleier hindurch in die Augen sehen, und hinter dem vielfach verunglimpften politischen Feindbild den Menschen entdecken, der nur das (in seinem Verständnis) Beste will für das Dorf.

Ich bin sicher, in einem solchen Dorf – ich war leider noch nie in der Gegend – muss es noch ein gutes Stück schöner und friedlicher sein als in einem Ort, der diesen Brauch nicht kennt.

Überhaupt sind wir oft blind für die Wirklichkeit. Aber wir sind nicht allein damit. Als Maria von Magdala dem Auferstandenen begegnete, meinte sie zuerst, es sei der Gärtner (Joh 20,15). Und erst als Jesus sie bei ihrem Namen nannte, gingen ihr die Augen auf.

Es ist erstaunlich, dass wir so oft blind sind für die Wirklichkeit. Denn wir reden sehr häufig von den «Realitäten, denen wir ins Auge schauen müssen». Aber oft schauen wir dabei vor allem in unsere selbstgemachten Zerrbilder, die von unseren Ängsten geprägt sind.

Wenn wir von der «Realität der knapper werdenden Ressource Arbeit» reden, von der «Realität der unterschiedlichen Standpunkte», oder von der «Realität des Krieges», dann reden wir eigentlich verkehrt. Nicht dass ich etwa die Leiden der Betroffenen als unreal hinstellen wollte, das liegt mir fern. Aber wenn wir von der «Realität des Krieges» reden, verschleiern wir, dass der Krieg eine Missachtung der Realität ist. Der Realität nämlich, dass wir alle Menschen mit der gleichen Menschenwürde sind, egal ob Impfgegner oder Verfechter eines Impf-Obligatoriums, egal ob Schweizer oder Ausländer, egal ob SVP- oder SP-Politiker, Muslim oder Christ. 

Streit und Krieg entstehen dort, wo diese Realität missachtet wird. 

Und diese Missachtung beginnt nicht erst mit der ersten Bombe oder dem ersten Schuss, auch nicht mit der ersten öffentlichen Verunglimpfung, sondern da, wo wir blind werden für die Würde des anderen. Wo wir meinen, wir hätten das Recht, den anderen nicht mehr mit Respekt zu behandeln. Worauf diese das Gleiche meinen usw. (den Rest der Geschichte kennen wir schon). 

Dabei berufen wir uns auf die sogenannten Realitäten und verdecken damit die eine, grundlegende Wirklichkeit des Menschseins, die an Ostern offenbar wird.

Wenn einige Bayern sich also am Ostermorgen die Augen auswaschen, ist das keine Augenwischerei. Im Gegenteil. Und vielleicht täte es auch uns gut, an Ostern die Augen auszuwaschen, auch wenn unsere Gesichter nicht wie die unserer Kinder bis zu den Ohren mit Schokolade verziert sind.

Ich wünsche Ihnen klarsichtige Ostern!

Pfr. Daniel Eschmann 

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