Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen

Ist Neid nur verwerflich?

Wer den letzten Abend in der Reihe «grosse Gefühle» der reformierten Kirchgemeinde verpasst hat, müsste eigentlich neidisch auf all jene sein, die den vielseitigen, lebenspraktischen Ausführungen von Verena Kast folgten.

  • Verena Kast

    Verena Kast erklärte, weshalb es schwierig ist, sich vorbehaltlos über den Erfolg eines anderen zu freuen.

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Die ehemalige Professorin für Psychologie an der Universität Zürich und heutige Präsidentin des C.G.Jung-Instituts breitete auf sympathische Weise ihren reichen Erfahrungsschatz zum Thema Neid vor den Zuhörerinnen und Zuhörern aus. Die Referentin hat sich vor allem mit ihren Publikationen zu Kreativität, Altern und Trauern einen Namen gemacht.

Neid hat viele Gesichter 

Neid ist eine Gefühlsregung mit vielen Facetten. Schon der römische Dichter Ovid wusste ein Lied davon zu singen. Das Mittelalter betrachtete den Neid als schwarze Galle. Die Vorstellung, dass Neid etwas Bitteres ist, lebt noch in der Wendung weiter, dass man jemandem seine Freude vergällen kann. 

Neid erwacht dann, wenn ein anderer etwas besitzt oder erreicht hat, was einem abgeht. Häufig steckt dahinter das Gefühl, dass ich das, was mir fehlt, auch zu haben verdiente oder dass ich das, was der andere erreicht hat, auch hätte erreichen können. Das Gefühl, zu kurz gekommen zu sein, empört. Der Betroffene fühlt sich abgewertet und ungerecht behandelt. Die Schuld dafür sucht der Neidische beim andern. Im Extremfall kann das bis zum Versuch führen, den andern zu verderben. 

Anerkennen fremder Stärken fällt uns schwer

Die Referentin wies darauf hin, dass in unseren Breitengraden –  im Gegensatz zu andern Weltgegenden – die Anerkennungskultur nur schwach entwickelt ist. Wir können uns nicht spontan und vorbehaltlos am Erfolg eines andern freuen. Lieber hüllen wir uns in Schweigen. Erfolge und Verdienste, zu denen wir selbst nicht fähig sind, verkleinern wir gern, manchmal gar auf gehässige Weise. Neidhammel versuchen, gute Leistungen mit offener oder versteckter Kritik abzuwerten. 

Eine wichtige Rolle spielt die Art der Familienverhältnisse. In einer Familie, die gut funktioniert, finden Stärken und Erfolge Anerkennung. Man freut sich darüber und gönnt sie einander. Bei innerfamiliären Spannungen hingegen bekämpft man sich gegenseitig. Dabei ist viel Neid im Spiel.

Der unselige Drang, sich zu vergleichen

Neid kann aufkommen, wenn wir uns dauernd mit andern vergleichen. Schon das blendende Äussere einer anderen Person kann Neidgefühle wecken. Sie verstärken sich, wenn wir die eigene Beschränktheit, zum Beispiel bedingt durch das Alter, nicht akzeptieren können. Wir können aber auch plötzlich in die Rolle der Beneideten geraten. Wenn jemand seine Erfolge zu sehr herausstreicht, weckt er den Neid der Umgebung.

Der neidlose Mensch ist eine Utopie

Besonderes Gewicht legte die Referentin auf die Feststellung, dass Neid ein Gefühl sei, das jedem Menschen innewohne. Männer wie Frauen seien davon gleichermassen betroffen. Der Traum vom neidlosen Menschen, den man etwa im Kibbuz zu verwirklichen hoffte, ist nie Realität geworden. In massvollem Rahmen ist Neid auch unter Freunden und Freundinnen möglich, ohne dass deswegen die Freundschaft in Brüche geht. Eine konstruktive Rivalität kann die einzelnen Partner fördern und die Beziehung befruchten.

Die positive Seite des Neids

Mit Nachdruck wies Verena Kast darauf hin, dass Neid nicht nur negativ sei. Er kann dazu beitragen, sich weiterzuentwickeln. Der Vergleich mit andern zwingt uns dazu, unser Selbstkonzept laufend zu überprüfen und dadurch zu uns selbst zu finden. Wichtig dabei ist, dass wir nicht nur die Stärken der andern sehen, sondern uns bewusst werden, dass wir im wahrsten Sinn des Wortes einzigartig sind.

Den Neid in den Griff bekommen

Wesentlich für das Zusammenleben ist die Fähigkeit, den eigenen Neid zu beherrschen. Ich muss mir darüber klar werden, welche Situationen in mir Neidgefühle auslösen. Hinter solchen Gefühlen stecken häufig Versagensängste und Ärger. Der Aufbruch des andern stört meine Ruhe. Statt ihn zu beneiden, frage ich mich besser: «Und nun? Was mache ich? Mache ich das mir Angemessene aus meinem Leben?» Dort gilt es anzusetzen. Kommt einer nicht über das «Eigentlich sollte ich» hinaus, steht ihm dauernd sein Unvermögen vor Augen. Wer sich hingegen auf seine Stärken besinnt, braucht andere weniger zu beneiden. Auch kann er es gelassener nehmen, wenn ein anderer zu neuen Ufern auf- und aus dem gewohnten Rahmen ausbricht. 

Hoffnung setzt die Referentin auf junge Leute. Die Tatsache, dass der Besitz eines Autos nicht mehr das Höchste der Gefühle ist, weckt Hoffnung auf weniger Neid. Die Frage aus dem Publikum, worin das Glück bestehe, beantwortete Verena Kast mit dem bedenkenswerten Hinweis, dass ihr Zufriedenheit genügt – wenn dazwischen einzelne Phasen des Glücklichseins liegen.

Ein wohlverdienter Dank

Mit diesem letzten Vortrag und der anregenden Diskussion ging die diesjährige Reihe der konfessionsübergreifenden Veranstaltungen der reformierten Kirchgemeinde zu Ende. Mit einem Dank von Frau Pfarrerin Jacqueline Sonego, die das initiative Team mit Bernadette Bär, Bruna Brandl, Elisabeth Frank und Esther Krebs leitete, schloss der eindrückliche Abend. Wie üblich gingen die Gespräche beim Apéro angeregt weiter. Auch für den stets liebevoll servierten Umtrunk sei dem umsichtigen Team herzlich gedankt. 

xeiro ag