Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen

Heute vor ... 7. April: Herr, unser Herrscher

Uns wird unwohl, wenn wir von «Herr, unser Herrscher»-Rufen auf Parteiversammlungen hören. Wir sind zu Recht allen Despoten gegenüber misstrauisch, die es nicht ertragen, wenn andere ihr Tun kritisieren. Diese herrschsüchtigen Menschen können es nicht leiden, wenn eine parlamentarische Opposition oder unabhängige Gerichte, freie Journalistinnen oder klarsichtige Karikaturisten sie in die Schranken weisen.

Anders klingt dieser Ruf, wenn wir ihn an Karfreitag hören und er dem verurteilten und gekreuzigten Jesus Christus gilt. Dann kann er fast nicht anders als irritieren. «Herr, unser Herrscher, ... Zeig uns durch deine Passion, dass du ... auch in der grössten Niedrigkeit verherrlicht worden bist!» Da tritt ein Regent auf den Plan, der es sich leisten kann, erniedrigt zu werden und als Verlierer in den Augen der Welt dazustehen. Weil er selbst vor dem Tod keine Angst hat, ist er letztlich stärker als dieser. Er ist eben Herr über Leben und Tod.

Das hat seither immer wieder Menschen dazu gebracht, sich ein Leben lang mit diesem Jesus Christus auseinander zu setzen und zum Beispiel künstlerische Höchstleistungen zu vollbringen. So auch Johann Sebastian Bach, der die Leidensgeschichte von Jesus mehrmals vertont hat und dessen Johannespassion mit diesen Worten beginnt: «Herr, unser Herrscher». An Karfreitag, heute vor 293 Jahren wurde dieses Werk uraufgeführt. Das Motiv des souveränen Regenten zieht sich durch das ganze Stück. Christus geht den Weg, den er zu gehen hat. Und alle, die ihm Übel wollen, sind im Grunde nur Diener auf diesem Weg. Und wenn er dann am Schluss zu Grabe getragen wird, setzt sich deshalb auch niemand in Tränen nieder. Denn weil er auch über den Tod regiert, wissen die zurück Gebliebenen:  Das Grab, das dir bestimmt ist, «macht mir den Himmel auf und schliesst die Hölle zu.» Eine grosse Gelassenheit macht sich breit. Die bleibt dann hoffentlich auch, im Blick auf die kleinen und grossen Tyrannen dieser Welt, die so gerne mit der Angst vor dem Tod regieren. Denn der Tod hat nicht mehr das letzte Wort. Nicht über mein Leben und nicht über das Leben dieser Welt. Das letzte Wort wird an Ostern gesprochen, und das heisst: Leben.

xeiro ag