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Heute vor ... 6. März: Stalins «Spätzchen» in der Schweiz

Das Bild stammt wohl von der Pressekonferenz, die unmittelbar nach ihrer Ankunft in New York stattfand. Darauf sieht man eine Frau mittleren Alters, die umgeben von fotografierenden Presseleuten freundlich und erleichtert in die Kamera lächelt.

Eine rundum sympathische Frau strahlt da den Betrachter an. Wer die Geschichte des Bildes nicht kennt, wird sich einzig fragen, weshalb die Reporter so wild auf ein Bild von ihr sind. Denn sie ist kein Filmstar und keine Schönheitskönigin. Sie ist keine prominente Politikerin und auch keine berühmte Wissenschaftlerin. Aber sie trägt einen grossen Namen. Sie ist die einzige Tochter Stalins, der sie «Spätzchen» zu nennen pflegte.

Glücklich kann man ihre Kindheit und Jugend nicht nennen. Als sie sechs Jahre alt war, erschoss sich ihre Mutter. Als sie sich mit sechzehn in einen jüdischen Filmemacher verliebte, schickte ihr Vater diesen für zehn Jahre in den Gulag. Anstatt Literatur zu studieren, drängte sie ihr Vater, historischen Materialismus zu belegen. Als sie sich nach dem Tod Stalins in einen indischen Kommunisten verliebte, verbot ihr die Partei die Heirat.

Einzig als dieser bereits kranke Mann starb, bekam sie die Erlaubnis, an den Bestattungsfeierlichkeiten in Indien teilzunehmen. Diese Gelegenheit nutzte Swetlana Allilujewa, so hiess die Dame nämlich, schüttelte eines Tages ihre Bewacher ab, floh heute vor 53 Jahren in die US-Botschaft und bat dort um Asyl. Das war nun für die USA insofern unangenehm, als sie in dieser Zeit die Sowjetunion nicht brüskieren wollten. Und so wurde Frau Allilujewa aus Delhi ausgeflogen und gelangte über Rom in die Schweiz. 

Es war die Zeit, als die guten Dienste der Schweiz allseits sehr begehrt waren. Offiziell war sie zur Erholung in der Schweiz. Swetlana Allilujewa blieb ein paar Monate und reiste schliesslich als Frau Staehelin mit einem regulären Touristenvisum in die USA, wo ihr der normale Status einer Einwanderin zugesprochen wurde. 

Wenn man diese Geschichte kennt, versteht man das Interesse der Fotografen, vor allem aber das strahlende Gesicht der Frau: Stalins Spätzchen war ausgeflogen.

xeiro ag