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Heute vor ... 27. März: KaDeWe

Als ich vor rund dreissig Jahren bei meinem ersten Berlinbesuch mehr oder weniger zufällig vor dem KaDeWe zu stehen kam und über dem Eingang in grossen Lettern geschrieben sah «Kaufhaus Des Westens», war ich überzeugt, dass dies ein ideologischer Bau der Westmächte war, die im geteilten Berlin dem Osten gegenüber demonstrieren wollten, dass es hier im Westen alles und in Hülle und Fülle zu kaufen gibt.

Weit gefehlt! Das «Kaufhaus Des Westens», das schon in der Planungsphase das Kürzel KaDeWe hatte, war das Werk des Kaufmanns Adolf Jandorf, der bereits über sechs Warenhäuser in Berlin verfügte. Nun wollte er ein Warenhaus für die Konsumwünsche der wilhelminischen Elite errichten. In einer Wochenzeitschrift war über die neue Filiale zu lesen, sie solle, die «verwöhnten Ansprüche der oberen Zehntausend, der obersten Tausend, der allerobersten Fünfhundert» zufriedenstellen.

Schon die Bezeichnung «Kaufhaus» sollte den Unterschied zum gewöhnlichen Warenhaus unterstreichen. Der Westen wurde Bestandteil des Namens, weil das Kaufhaus in einem im Entstehen befindlichen Quartier gebaut wurde, das allgemein die Bezeichnung «Neuer Westen» hatte. Gezielt wählte Adolf Jandorf einen Standort, der mit einem neuen Bahnhof erschlossen wurde und sich an einer wichtigen Strecke des U-Bahnnetzes befand.

Als das neue Kaufhaus heute vor 113 Jahren seine Tore öffnete, wurden ganzseitige Bildinserate in den Tageszeitungen geschaltet, was damals neuste Drucktechnologie war. Gerne hätte man zur Eröffnung ein Mitglied aus dem Kaiserhaus empfangen. Doch es kam niemand. Dafür machte ein zweitägiger Besuch des siamesischen Königs im August desselben Jahres den gewünschten Eindruck auf die umworbene Kundschaft. 

Heute ist das KaDeWe eines der grössten Kaufhäuser Europas und löst beim Besucher «die alte Mischung aus Ehrfurcht und Verlorenheit» aus, wie ein Journalist geschrieben hat. Somit steht es eben doch irgendwie auch für die westliche Ideologie.

 

xeiro ag