Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen

Heute vor ... 25. Oktober: Geistreiche Prügel

«Den ganzen Satz über hatte ich die Empfindung, als ob ich von zwei schrecklich geistreichen Leuten durchgeprügelt würde.» – So soll Eduard Hanslik, ein angesehener Musikkritiker, geurteilt haben, nachdem er eine Voraufführung von Brahms’ 4. Sinfonie gehört hatte.

Brahms selber hatte das Werk zusammen mit einem Freund an zwei Flügeln einem auserwählten Kreis vorgespielt. Auch die enge Freundin Clara Schumann war gar nicht begeistert. Und die ebenfalls mit ihm befreundete Pianistin und Mäzenin Elisabeth von Herzogenberg bezeichnete das Werk als «eine kleine Welt für die Klugen und Wissenden, an der das Volk, das im Dunkeln wandelt, nur einen schwachen Anteil haben könnte.» 

Wenn ich recht verstanden habe, so beklagten die Fachleute, dass Brahms seine 4. Sinfonie zwar nach allen Regeln der Kunst komponiert, aber eben diese Regeln zu gesetzlich verfolgt und der freien Gestaltung des Werkes zu wenig Raum gelassen habe. Später sollen sogar die Musiker der Wiener Erstaufführung auf die Intervalle der ersten Takte die wenig schmeichelhaften Worte gesungen haben: «Es fiel / ihm wie- / der mal / nichts ein.»

Das Urteil des Fachpublikums gab Brahms somit wenig Anlass, zuversichtlich auf die Uraufführung mit Orchester und vor grossem Publikum zu blicken. Dennoch bestieg der Komponist bei der Uraufführung heute vor 134 Jahren selber das Dirigentenpult. Und das Publikum reagierte weitaus positiver auf das Werk. Auch die anschliessende Tournee wurde ein grosser Erfolg. Und als Brahms kurz vor seinem Tod der Aufführung dieser 4. Sinfonie als Zuhörer beiwohnen konnte, erntete er vom Wiener Publikum tosenden Applaus. Das «Volk, das im Dunkeln wandelt» nahm demnach grossen Anteil an dieser Sinfonie. Damit ist dieses Werk auch ein gutes Beispiel dafür, wie sehr sich Kritiker irren können.

Manchmal prügeln Kritiker ihrerseits ein Kunstwerk derart mit ihrem Fachwissen, dass ihr Herz keine Möglichkeit mehr hat, sich etwas einfallen zu lassen.

 

xeiro ag