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Heute vor ... 22. Januar: Das alte Europa

Es war die Zeit nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York. Die USA hatten sich in einen Krieg in Afghanistan begeben und meinten nun auch noch, im Irak intervenieren zu müssen.

Während nebst anderen die Deutschen nach dem 11. September uneingeschränkt solidarisch mit den USA waren, gingen sie – aber auch Frankreich oder Grossbritannien – zu den Kriegsplänen im Irak auf Distanz. Das verärgerte die Machthaber in Washington, und als heute vor 18 Jahren der US-amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld an einer Pressekonferenz gefragt wurde, wie er denn dazu stehe, dass Länder wie Frankreich, Grossbritannien und Deutschland einen Irakkrieg ablehnten, antwortete dieser: «Sie denken bei Europa an Deutschland und Frankreich. Ich nicht. Ich glaube, das ist das alte Europa.» 

Das alte Europa! Insbesondere in Deutschland wurde diese Bezeichnung sogleich dankbar aufgenommen. Selbstverständlich mit ironischem Unterton. Sie wurde sogar zum «Wort des Jahres» gewählt. Die Aussage von Rumsfeld kränkte die Deutschen und auch andere Länder Europas wohl deshalb nicht so sehr, weil man hier mit dem Schimpfwort «altes Europa» schon länger vertraut war. So hatte Karl Marx bereits gut 150 Jahre zuvor sein Kommunistisches Manifest mit den Worten eröffnet: «Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus. Alle Mächte des alten Europa haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen das Gespenst verbündet, der Papst und der Zar, Metternich und Guizot, französische Radikale und deutsche Polizisten.» 

Man war mit dem Vorwurf also schon vertraut. Und als alter Kontinent wusste man, dass man sich mit jugendlichem Machtgehabe auch böse die Finger verbrennen kann. Mittlerweile sind auch die USA um diese Erfahrung reicher. Hoffentlich lernen sie daraus.

xeiro ag