Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen

Heute vor ... 20. November: Fake News

Die Dolchstosslegende besagt, dass die deutschen Truppen den ersten Weltkrieg gewonnen hätten, wenn nicht in der Heimat die Sozialdemokratie und das bolschewistische Judentum mit ihrer Kritik am Krieg den kämpfenden Soldaten in den Rücken gefallen wären.

 

Diese Legende wurde bewusst von der obersten Heeresleitung in Umlauf gesetzt, um vom eigenen Versagen abzulenken. Während der konservative Publizist Paul Cossmann die Legende verbreitete, bezichtigte ihn der Chefredakteur der Münchener Post, Martin Gruber, der Lüge und Verhetzung. Die Legende verfälsche schlicht die Geschichte. Es kam zum Prozess, bei dem das Gericht heute vor 95 Jahren zum Schluss kam, dass Cossmann einem «Irrtum» aufgesessen sei. Von Lüge und Verhetzung könne daher keine Rede sein. 

Dieses Urteil erging, obwohl der Historiker Hans Delbrück ausgesagt hatte, die Legende «ist eine Geschichtsfälschung umso schlimmerer Art, als sie gleichzeitig eine Volksvergiftung darstellt.» In der Folge wurde Gruber von Cossmann zivilrechtlich belangt und wegen Beleidigung und übler Nachrede verurteilt. 

Die Dolchstosslegende wurde von den aufkommenden Nationalsozialisten gerne aufgenommen, wobei diese natürlich die antisemitische Note gerne hervorhoben.

Heute reden wir von «Fake News» und «alternativen Fakten», das heisst von der Verbreitung von nachweisbar falschen Nachrichten. Die Geschichte der Dolchstosslegende macht deutlich, wie gefährlich solche «Fake News» sein können. Der US-amerikanische Senator Daniel Patrick Moynihan sagte 1983: «Jeder hat das Recht auf seine eigene Meinung, aber nicht auf seine eigenen Fakten.» Eine Gesellschaft, die sich nicht selbst vergiften, sondern über die Parteigrenzen hinweg eine gemeinsame Zukunft erarbeiten will, muss sich auf diesen Nenner einigen. Darunter geht es nicht.

xeiro ag