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Heute vor ... 2. Juli: Szene eines Schiffbruchs

Es war ein unverfänglicher Titel, den der Maler dem Bild gab. «Szene eines Schiffbruchs» nannte er es. Aber jeder, der es zu sehen bekam, wusste sogleich, welchen für die Geschichte Frankreichs unwürdigen Moment es erzählte. Heute ist das Bild bekannt als «Das Floss der Medusa». Zu sehen ist ein gutes Dutzend Schiffbrüchiger, das verzweifelt und zuweilen mehr tot als lebendig sich auf einem äusserst erbärmlichen Floss befindet und um Hilfe fleht.

Nachdem Napoleon vertrieben und die Monarchie wieder eingesetzt war, war England bereit, die Kolonie Senegal den Franzosen zurückzugeben. Dafür wurde ein kleiner Schiffsverband losgeschickt, dessen Besatzung die Geschicke in Senegal wieder an die Hand nehmen sollte. Als Kommandant wurde Hugues Duroy de Chaumareys bestimmt. Allerdings nicht wegen seines Könnens, sondern weil er ein treuer Royalist war. Sein Schiff war die «Medusa».

Von Beginn an war die Fahrt geprägt von Inkompetenz und Fehlentscheidungen. Insbesondere vor Mauretanien warnten erfahrene Offiziere vor der Arguin-Sandbank. Aber Chaumareys wollte davon nichts wissen. Und so fuhr das Schiff heute vor 205 Jahren zielsicher auf die berüchtigte Sandbank auf. 

Da keine Chance bestand, die Medusa wieder loszubekommen, stieg man auf die Beiboote um. Allerdings hatten längst nicht alle 400 Besatzungsmitglieder darin Platz. Daher wurde aus dem Wrack der Medusa ein Floss gezimmert, auf dem schliesslich 147 Personen Platz finden mussten. Die Bedauernswerten wurden sich selbst überlassen. Mord, Selbstmord und Kannibalismus herrschten fortan auf dem Floss. Gerade einmal 15 Überlebende wurden schliesslich von einem englischen Schiff aufgegriffen. 

In Frankreich wiesen die royalen Minister und Behörden alle Schuld von sich. Chaumareys wurde schliesslich von einem Kriegsgericht zu drei Jahren Haft verurteilt. Angesichts des Desasters eine äusserst milde Strafe.

Nach Napoleon hätte alles besser werden sollen. Das «Floss der Medusa» erinnerte daran, dass dem nicht so war. Ich bin Menschen dankbar, die uns mit ihrer Kunst unbequeme Wahrheiten vor Augen halten.

 

xeiro ag