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Heute vor ... 18. September: Stationen eines Lebens

Im Grunde war sie ein ganz normaler Teenager in der Hippie-Zeit. Sie studierte an der University of California in Berkeley. Das Besondere an ihr war, dass sie die Enkelin des Medienmoguls William Randolph Hearst war und sie, oder besser ihre Eltern, dadurch ein Vermögen geerbt hatten.

Daher wurde Patty Hearst, wie die junge Frau hiess, von der Symbionese Libaration Army (SLA) entführt. Deren Mitglieder verstanden sich als moderne Robin Hoods, die den Reichen Geld wegnehmen, um es den Armen zu geben. 

Die Eltern zahlten sechs Millionen Dollar Lösegeld, mit denen die Entführer dann tatsächlich Lebensmittel kauften und in den Armenvierteln verteilten. Patty aber hielten sie wochenlang in einem Schrank fest, schlugen und missbrauchten sie. Und nach der Lösegeldzahlung wurde die junge Frau nicht freigelassen. Stattdessen tauchte wenig später ein Tonband auf, in dem Patty selber sich zur SLA bekannte.

Wiederum zwei Wochen später filmten Überwachungskameras einen Banküberfall der SLA. Auf den Bildern war Patty eindeutig zu erkennen. Mit einem Maschinengewehr! 

Heute vor 45 Jahren wurde Patty Hearst festgenommen und in einem Prozess zu 35 Jahren Haft verurteilt. Nach kaum zwei Jahren aber wurde sie von Präsident Jimmy Carter begnadigt. Die Vermutung lag nahe, dass Patty am Stockholm-Syndrom litt, einem psychologischen Phänomen, bei dem sich das Opfer mit dem Täter identifiziert und anfreundet. 

Nach ihrer Freilassung wirkte sie als Schauspielerin in diversen Filmen mit. Ich stelle mir vor, dass es für Patty Hearst zumindest schwierig war, eine Identität zu entwickeln. Blumenmädchen, Enkelin eines berühmten Grossvaters, missbrauchtes Entführungsopfer, Bankräuberin im Stile Robin Hoods, verurteilte und begnadigte Straftäterin, Filmschauspielerin. Alles prägende Stationen eines Lebens, die schwierig unter einen Seelenhut zu kriegen sind. In den vergangenen Jahren ist es ruhiger um sie geworden. Man kann nur hoffen, dass sie selbst auch Ruhe gefunden hat.

xeiro ag