Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen

Heute vor... 17. Dezember: Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche

Ich war ein junger Theologiestudent aus der Schweiz und besuchte auf Reisen gerne Kirchen. Wann immer möglich, kaufte ich jeweils auch den Kunstführer, der mir zusätzliches Wissen über die jeweilige Kirche vermittelte.

So war es auch in Berlin bei der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Ich ging zur Verkaufstheke und sagte zu der Dame, die dahinter sass: «Ich hätte gerne den Führer.» Die Dame stutzte einen Moment und meinte dann: «Den könnense nich haben. Der hat morgen Geburtstag.» Nun stutzte ich einen Moment. Und dann noch einen. Endlich begriff ich, was ich gesagt hatte und wie das in deutschen Ohren klingen musste. In dem Moment hatte ich statt etwas über die Kirche zu erfahren, etwas über Kontext gelernt.

Meine Mutter, die in Nazi-Deutschland aufgewachsen war, sagte später: «Dann wart ihr am 19. April in der Kirche, denn am 20. April hatte Hitler Geburtstag.» Das war für sie als Schulkind immer ein Freudentag, da er an der Schule unter anderem mit einer leckeren Süssspeise begangen wurde. Und das war natürlich auch die Erinnerung der Dame hinter der Verkaufstheke, die in etwa denselben Jahrgang hatte wie meine Mutter. Im Nachgang zu diesem Erlebnis wurde mir auch klar, wie es in deutschen Ohren klingen musste, wenn wir im Militärdienst am Feierabend die SS besuchten oder im Krankheitsfall ins KZ verlegt wurden. In der vom Zweiten Weltkrieg weitgehend verschonten Schweiz wurden diese Abkürzungen völlig unbedarft verwendet, denn SS war die Kurzform für die Soldatenstube und KZ stand für das Krankenzimmer.

Die Schweizer Armee hat mittlerweile die entsprechenden Lokalitäten umbenannt. Und auch ich bin vorsichtiger geworden mit dem Gebrauch des Wortes «Führer». Aber an dieses Erlebnis muss ich immer denken, wenn von der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche die Rede ist. Übrigens, die Kirche steht in Berlin und ist selber ein eindrückliches Mahnmal gegen den Krieg, das zu besuchen sich jederzeit lohnt. Heute vor 60 Jahren wurde sie in ihrer Nachkriegsgestalt eingeweiht. 

xeiro ag