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Heute vor ... 15. September: Erstklassige Beerdigungen

Eine Woche vor dem Attentat hatte der Gouverneur von Alabama noch in der New York Times erklärt, um die Integration zu verhindern, bedürfe es einiger «first-class funerals», d.h. einiger erstklassiger Beerdigungen – deutliche Zeichen, dass die Integration nicht erwünscht sei.

Ein Jahr später veröffentlichte Joan Baez das Lied «Birmingham Sunday», indem sie die Geschichte des Attentats erzählt und dabei immer wieder singt: «And the choirs kept singing of Freedom» – «und die Chöre sangen weiter von der Freiheit».

An einem Sonntag, heute vor 54 Jahren, hat ein Mitglied des Ku-Klux-Klans unter der Treppe zur 16th Street Baptist Church eine Schachtel deponiert, die kurz danach explodierte. Vier Mädchen, die die Sonntagschule besuchten, starben. 23 weitere Menschen wurden zum Teil schwer verletzt. Die Feinde der Gleichberechtigung von Schwarzen und Weissen wollten die Stimmen von Gerechtigkeit und Freiheit zum Schweigen bringen.

Sie erreichten das genaue Gegenteil. Die Chöre sangen nur umso lauter und bestimmter von der Freiheit. Und sie wurden immer grösser. Zur Beerdigung der vier Mädchen erschienen 8'000 Menschen, die Kirchgemeinde erhielt 30'000 Dollar an Spenden, um die zerstörte Kirche wieder herzustellen, und in Washington wurde nun erst recht der Civil Rights Act verabschiedet, der auf höchster staatlicher Ebene der Rassentrennung in den Südstaaten einen Riegel vorschob. In gewisser Hinsicht hat der Gouverneur von Alabama sein Ziel erreicht und so etwas wie ein «first-class funeral» geschaffen. Allerdings hat er damit die Integration nicht verhindert, sondern viel eher befördert.

Leider sind die unbelehrbaren Rassisten und Gewalttäter bis heute nicht ausgestorben. Das macht einen auch zuweilen hilflos. In solchen Momenten denke ich gerne an den Song von Joan Baez, stimme ein in den Gesang der Chöre und singe von der Freiheit.

 

xeiro ag