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Heute vor ... 13. August: Niemand hat die Absicht...

Einen knappen Monat vor dem Mauerbau sagte der Staatsratsvorsitzende der DDR, Walter Ulbricht, an einer Pressekonferenz unter anderem: «Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.» Er antwortete damit auf die Frage einer Journalistin, ob die Regierung denn die Schliessung des Brandenburger Tors in Erwägung ziehe und bereit sei, die damit einhergehenden Konsequenzen zu tragen.

Die Frage lag in der Luft, denn die DDR hatte damit zu kämpfen, dass viel zu viele Menschen «mit den Füssen abstimmten». Das heisst, viele meist junge Menschen verliessen die DDR, um im Westen ihr Glück zu versuchen. Allein in Berlin fehlten zu diesem Zeitpunkt 45'000 Arbeitskräfte. 

Ulbricht hatte also schlicht nicht die Wahrheit gesagt. Denn die DDR-Führung drängte auf die Schliessung der Grenze gegen Westen. Die Sowjetunion aber als Schutzmacht schreckte lange vor einem solchen Schritt zurück. Gut zwei Wochen nach der Pressekonferenz gaben dann die Führungschefs der Warschauer-Pakt-Staaten grünes Licht für «die Sicherung der Westgrenze». Und heute vor 60 Jahren marschierten Einheiten der deutschen Grenzpolizei, der Nationalen Volksarmee und Angehörige der Betriebskampfgruppen auf und riegelten die Übergänge nach Westberlin ab.

Noch während der Zeit des Mauerbaus desertierten Angehörige der Sicherheitskräfte in den Westen, und zahlreiche Zivilisten liessen sich aus Häusern an der Westseite der Grenze an Bettlaken herunter. Der Schiessbefehl an der Grenze hatte in den Jahren danach zur Folge, dass weit über hundert Menschen an dieser innerdeutschen Grenze zu Tode kamen. Knapp vierzig Jahre später, einige Monate vor dem Mauerfall, sagte Erich Honecker in die Mikrophone: «Die Mauer steht noch hundert Jahre.» Auch er sagte nicht die Wahrheit. Aber irgendwie anders als Ulbricht.

 

xeiro ag