Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen

Heute vor… 12. November: Selbstversuch

Auf der Zeichnung sind drei Männer zu sehen, die wie Betrunkene vornüber gebeugt auf dem Tisch oder gar unter dem Tisch liegen. Einer scheint noch minimal bei Bewusstsein zu sein, kniet aber auch schon am Boden und hält sich den Kopf. Die Gläser sind zerbrochen, die Stühle umgekippt.

Da haben drei Kollegen den einen oder anderen über den Durst getrunken. So würde man meinen. Es handelt sich aber vielmehr um James Young Simpson und zwei seiner Freunde, die in privater Runde Chloroform als Narkosemittel ausprobiert haben. Es scheint seine Wirkung getan zu haben.

Wenige Tage später setzte Simpson Chloroform bei einer Entbindung ein. Heute vor 174 Jahren publizierte er seine Erfahrungen mit dem Betäubungsmittel in einer Schrift, die sich schnell in den einschlägigen Kreisen verbreitete. Simpson musste sich zwar noch lange gegen manche Widersacher verteidigen. Dennoch wurde Chloroform ein allseits gern verwendetes Narkosemittel.

Der aus Schottland stammende Simpson war gelernter Bäcker. Im Selbststudium bildete er sich weiter, erhielt ein Stipendium und konnte schliesslich Medizin studieren. Nach der Publikation seiner Erfahrungen mit Chloroform wurde er zum Arzt und Geburtshelfer von Queen Victoria berufen. Als sie einige Jahre später ihr neuntes Kind gebar, wurde sie erfolgreich mit Chloroform anästhetisiert, allerdings von einem anderen Arzt. Dennoch verlieh die Königin Simpson den erblichen Adelstitel eines «Baronet of Strathavon in the County of Linlithgow.»

Neben seiner Entdeckung der narkotischen Wirkung von Chloroform wirkte Simpson auch erfolgreich in den Bereichen der Geburtshilfe und Frauenheilkunde. Als er starb, wurde seine Beerdigung zu einem öffentlichen Ereignis. In der Westminster Abbey wurde eine Büste von ihm angebracht. Grosse Schmerzen bei Operationen und Geburten nicht erleben zu müssen, macht die Menschen eben dankbar.

 

xeiro ag