Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen

Gottes Geburt im 21. Jahrhundert

Die Zeiten ändern sich. Aus psychologischer Sicht lässt es sich so beschreiben: Das 19. Jahrhundert war das Jahrhundert der wachsenden Selbstbestimmung. Die individuellen Bürgerrechte der Männer und – teilweise sehr viel später – auch der Frauen wurden errungen.

Das 20. Jahrhundert kann mit dem Stichwort Selbstverwirklichung charakterisiert werden. Die stetig grösser werdende Individualisierung war auch hier noch zumindest potenziell mit grösserer Freiheit und einem Zuwachs an Lebensmöglichkeiten verbunden.

  • «The Adoration of the Magi», Giotto di Bondone (Florenz, 1266/76–1337), ca. 1320. Bild: Pinterest

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Das 21. Jahrhundert scheint nun das Zeitalter der Selbstoptimierung zu werden. Und damit kippt die erstrebte Freiheit definitiv zurück in eine Unterwerfung unter neue Zwänge.

Wir leben nach Plan: Ausgewogene Ernährung, ausreichend Bewegung, die passende Balance zwischen Arbeit und Erholung sind Klassiker dieser Optimierungsversuche. Zufrieden sind die wenigsten, denn schliesslich gibt es immer etwas zu verbessern – mehr Sport, mehr Gemüse, mehr Entspannung bis hin zu mehr Achtsamkeit. Fitness ist längst zur moralischen Kategorie geworden. Mentale Fitness, physische Fitness − wie fit ist fit genug?

Der Zwang zur Optimierung der menschlichen Natur, zur Steigerung körperlicher und geistiger Fähigkeiten, zur Entdeckung und Ausschöpfung ungenutzter Potentiale lässt immer mehr Menschen in den Bann von Doping und Schönheitschirurgie, von medikamentöser Manipulation von Muskelkraft, Stimmung und Gedächtnis geraten. Es ist ein Zwang, der schon vor der Geburt einsetzt und uns bis ins hohe Alter beschäftigt. Der Druck, in jedem Bereich das absolute Maximum zu leisten und Perfektion anzustreben, nimmt zu. Werbung und Medien führen uns täglich das ideale Leben im Hochglanzformat vor. Eine Steigerung davon zeigt sich in der Vorweihnachtszeit.

Und hier nun Weihnachten. Gott wird Mensch. Doch kommt er nicht als Superheld zur Welt, sondern als kleines Kind in einer mehr als notdürftigen Unterkunft. Er ist angewiesen auf Schutz und Wärme, auf Nahrung und zärtliche Worte – so wie alle Menschen. Nach wenigen Tagen schon wird er zum Flüchtlingskind, das wegen der Brutalität eines gewalttätigen Herrschers die Heimat verlassen muss. Momente des Glücks gibt es für Hirten, die zu den Ärmsten der damaligen Zeit gehörten und sich plötzlich im Glanz Gottes sehen und in der Ankunft dieses Kindes die Verheissung von Frieden und Fülle für alle erkennen. Und höchste Freude wird drei Weisen zuteil, welche bei diesem Kind ankommen, fernab von der Macht des Königs in Jerusalem. Sie kommen an und finden hier das, was im Leben trägt: Es ist nicht die Perfektion; es ist nicht die Fitness bis ins hohe Alter, es ist nicht die Dauerbeschäftigung mit sich selbst und der eigenen Performance, es ist auch nicht die Angst, nicht zu genügen oder die Sorge, nicht beachtet zu werden: Es ist das Glück, ein Mensch zu sein. 

Bedürftig, schwach und stark zugleich, begabt mit der Kraft der Liebe. Da kommen sie an und werden die Menschen, die sie sein möchten: solche, die viel zu geben haben, ohne perfekt sein zu müssen. Solche, die ausruhen können bei diesem Gott, der dem Unvollkommenen so zugetan ist. Ich wünsche Ihnen frohe Weihnachten. 

xeiro ag