Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen

«es ist weniger lustig als dramatisch»

Zwei junge Bildhauer und ein junger Fotograf fanden sich zusammen, um gemeinsam auszustellen. Gemeinsam ist allen dreien die Dringlichkeit ihres künstlerischen Schaffens.

  • Zürcher Kegel Sandstein Martin Zürchers Skulpturen führen den Betrachtenden in ihrer wunderschönen Vollendung in die Vergangenheit. Fotos: zvg

  • Manche von Denis Twerenbolds Fotos erinnern an die chinesische Landschafts- und Schriftmalerei; der lautmalerische Text wird zur Bildeinheit.

  • Kunstwerk und Mahnmal in einem: Ruben Pfanners Bäume, die in einem aufwändigen Prozess aus Abfall entstehen und daran erinnern, dass wir alles für die Abfallreduktion unternehmen müssen.

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Der junge Meilener Bildhauer Martin Zürcher entspricht einem eigenen Bild eines Bildhauers, ist er doch sehr feingliedrig, schlank und von achtsamer Natur. Und genau so sind auch seine sehr feinen und fast filigranen Skulpturen. 

Von einer Grossskulptur abgesehen sind sie nicht monumental, sondern in einer Grösse, die in jede Wohnung, auf jeden Tisch passt. Er bearbeitet Sandstein, Marmor, Gneis sehr vorsichtig und führt den Betrachtenden mit seinen oft geometrischen Skulpturen in eine eigene Räumlichkeit. Eine immense Arbeit steckt jedenfalls dahinter, indem vieles von Hand – ohne maschinelle Hilfe – geschaffen wird und der Stein als etwas Lebendiges und nicht als tote Materie bearbeitet wird. 

So sieht man keine Verletzung am Stein, sondern mit kleinen Unebenheiten versehen, strahlen seine Werke eine unglaubliche Ruhe und Gelassenheit, eine wunderschöne Vollendung aus. Sie entführen den Betrachtenden durch ihre Form als Säulenfragment, als Stufenpyramide, als Zylinder in die Vergangenheit. Man fühlt sich an griechische Säulenfragmente, an die ägyptischen Stufenpyramiden, an die Tempel der Azteken, an einen Turm und sogar an Alberto Giacometti erinnert, aber es sind immer eigenständige Kunstwerke von einer vollendeten Harmonie. Sie sind von Linien, vertikal oder horizontal verlaufend, durchzogen, und mit einer einmaligen handwerklichen Präzision geschaffen, die den Betrachtenden voller Ehrfurcht erstaunen lässt. 

Der 1989 geborene Bildhauer leitet seine Werke von geometrischen Grundformen ab. Es ist eine Arbeit, die oftmals mehrere Jahre in Anspruch nimmt und viele Arbeitsgänge umfasst. So entstehen Skulpturen, die in ihrer Zartheit eine monumentale Wirkung vermitteln, aber beruhigend und zeitlos wirken. Sie lassen dem Betrachtenden viel Freiheit in der Interpretation. Sie erwachen zum Leben, wenn man sie berührt und mit der Hand fein den Linien entlang fährt und sich von den oftmals am Rande des Sandsteins gelb oder blau schimmernden Rändern faszinieren lässt.

Von Glühwürmchen gemalte Fotos

Der 1982 in Zug geborene und in Zürich lebende Fotograf Denis Twerenbold studierte zunächst Sinologie, um sich anschliessend an der Zürcher Hochschule der Künste zum Fotografen auszubilden. 

Er zeigt Arbeiten aus seiner jüngsten Serie, die dem Tier des Jahres, dem Glühwürmchen, gewidmet ist. Heute fotografiert jedermann rasch mit dem Handy, und den meisten ist nicht mehr bewusst, wie viel Arbeit hinter einer guten Schwarzweissfotografie steckt. Sie knipsen ja nur noch digital, aber Twerenbold arbeitet analog wie früher mit Film. Und so werden seine Arbeiten zu Meisterwerken, welche die Tradition der hervorragenden Schweizer Fotografen weiterführen, denken wir nur an Robert Frank, René Burri, René Groebli, Werner Bischof, Gotthard Schuh, Paul Senn und viele weitere. 

Twerenbold entwickelt wie in der Vergangenheit seine Negative noch selbst und erstellt anschliessend die Handvergrösserungen seiner Schwarzweissaufnahmen. So entstehen wahre Meisterwerke. Auch in Feldmeilen gab es früher Glühwürmchen, aber seit Jahren sind sie nicht mehr zu sehen. Twerenbold begab sich auf den Waldfriedhof in Schaffhausen und fand dort eine ganze Kolonie dieser wunderbaren Tierchen. Die Zeit zur Aufnahme ist ja sehr kurz, denn am Anfang ist es noch zu hell, und dann wird es sehr schnell dunkel. In dieser kurzen Spanne muss die Langzeitbelichtung eingestellt werden. So zeigt der Fotograf aus dieser Serie sieben Aufnahmen. 

Die Leuchtspur der fliegenden und auch ruhenden Glühwürmchen zieht sich durchs Bild, und es entstehen ganze Gemälde. Da manche, die über den Farn Linien ziehen, andere schwärmen vor dunkeln Zweigen hin und her und schaffen mit ihrer Leuchtspur surreale Bilder, da entsteht eine Form, die an ein Reh erinnert, dort glaubt man, einen Kobold zu erkennen.

Aber Twerenbold fotografiert auch Berge und die Natur generell. Aus den von ihm entwickelten Farbnegativen werden zunächst die Farben herausgefiltert, dann wird die Vergrösserung aufs Papier kopiert und mit einer Schablone die farbige Schrift ausgeschnitten und hinterlegt. Anschliessend wird die Farbe immer mehr zurückgenommen, bis sie mit dem Fotosujet quasi eine Verbindung eingeht, ja fast verschwindet. So bilden das Bergmassiv in Davos oder der Wasserfall einen lautmalerischen Text, der zur Bildeinheit wird. Seine Fotografien erinnern an die chinesische Landschafts- und Schriftmalerei.

In mühseliger stundenlanger Kleinarbeit Karton zerlegen

Der Dritte und Radikalste im Bunde ist der 1990 in München geborene und heute in Schwerzenbach lebende Bildhauer Ruben Maria Pfanner. Er arbeitet in einem Gebäude in Schwerzenbach, in dem sich verschiedene Unternehmungen befinden. So auch ein Onlinehandel, bei dem tagtäglich viel Abfallmaterial anfällt und achtlos weggeworfen wird. All diese Karton- und Holzabfälle sammelt er und schafft mit ihnen und aus ihnen seine Plastiken. Er erweckt diese Abfälle wieder zum Leben, indem er den Karton in mühseliger, stundenlanger Kleinstarbeit in kleine Stücke zerlegt, mit Wasser vermischt und so einen Brei erstellt. Diesen Brei füllt er in eine Negativform, die er zusammenschraubt bzw. zusammenpresst, das Wasser so dem Brei entzieht und das Ganze trocknen lässt. 

So entstehen seine Bäume, die schlank und oft auch leicht gebogen braun in die Höhe ragen und uns daran erinnern, aus was Karton ursprünglich geschaffen wurde. Die daraus wieder erstandenen Bäume ergeben einen neuen Wald. Diesen Wald bestäubt er mit einem von ihm kreierten Parfum, das uns an den europäischen Urwald erinnern soll. 

Pfanner stellt 21 Bäume aus, die je auf einem sechseckigen Fuss stehen und sich deshalb immer wieder zu einem neuen Modul zusammenstellen lassen. Aber auch ein altes Kopfkissen sowie eine weggeworfenen Matratze werden zu neuem Leben erweckt, indem sie zerschnitten und verformt und mit Gips sowie einer Mischung aus Sandsteinpigment und einer speziellen Flüssigkeit vermischt werden, die ihnen eine grüne Farbe geben. So werden sie der Vernichtung entzogen und zum Kunstwerk sowie Mahnmal. 

Pfanner nennt dies «Green washing», bezogen auf die grossen Konzerne, die sich auf diese Art mit einem grünen Mäntelchen umgeben. Der Künstler sammelt aber auch seinen eigenen Abfall an Verpackungen, dem wir uns alle fast nicht entziehen können und schafft auf dieselbe Art ein Kunstwerk, das uns stets daran erinnern soll, dass wir alle zur Abfallreduzierung alles nur Mögliche unternehmen müssen.

Bis 22. September

Die Vernissage der sehr interessanten Ausstellung «Es ist weniger lustig als dramatisch» im Ortsmuseum Meilen, Kirchgasse 14, findet heute Freitag, 23. August ab 18 Uhr statt. Gezeigt werden die Werke bis am 22. September. Öffnungszeiten: jeweils Samstag und Sonntag von 14 bis 17 Uhr.

 

xeiro ag