Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen

Erwartungen in der Kunst

Noch einmal öffnete sich ein weites Spektrum von Erwartungen, als am letzten Samstag zwei Gruppen im Rahmen der Winterreihe der reformierten Kirche das Kunsthaus Zürich besuchten.

  • Madeleine Witzig vor einem Werk von Miró, das nicht wie erwartet aus Stein gefertigt ist, sondern aus Ton. Fotos: MAZ

  • Sigmar Polkes «Levitation» ist überraschenderweise auf Polyester gemalt.

1/1

Nicht zum ersten Mal verstand es Kunstexpertin Madeleine Witzig in souveräner, fachkundiger Art, auf das vorgegebene Thema – in diesem Jahr «Erwartungen» – einzugehen. Bald ging sie vom Bildinhalt, bald von der Gestaltungstechnik aus, um aufzuzeigen, wie vielfältig unsere Erwartungen bei der Begegnung mit Kunst sind.

Zu Beginn führte die Kunstexpertin die Gruppe zu einem auf den ersten Blick düsteren Bild beim Eingang in die Sammlung. Sie liess die Gruppe rätseln, was man erwarte, bevor man näher an das Werk herantritt. Was zunächst als eintöniges Blau erschien, aus dem ein paar gelbe Punkte herausstechen, wurde zu einem bewegten Kosmos, wenn man das Gemälde aus der Nähe betrachtete. Augusto Giacometti hat das Bild mit dem Titel «Fixsterne» um 1908 herum gemalt.

Madeleine Witzig wies auf die mutigen Pinselstriche hin, mit denen der Künstler ein «gebändigtes Chaos» geschaffen hat. Die Farben hat er aus kostbaren Pigmenten selbst hergestellt. Das Bild fördert im Betrachter Unbewusstes ans Licht. Gedanken an kosmisches Leben, an Leben und Sterben oder ans Eingebettetsein in den Kosmos können wach werden. Giacometti ist in Zürich kein Unbekannter, hat er doch einen Teil der Glasfenster im Grossmünster, im Fraumünster und in der Wasserkirche geschaffen und die Eingangshalle der Stadtpolizeiwache mit Fresken geschmückt. 

In Bilder gefasste Erwartungen

Anschliessend führte die Kunstexpertin zur Verkündigungsszene auf einer Altartafel aus München. Die Adventszeit oder mit einem Kind «in Erwartung» sein, das sind grosse Zeiten des Wartens. Bei näherem Hinschauen kam in den Tafeln laufend Unerwartetes zum Vorschein. Aus einem roten Tuch, auf dem das Jesuskind liegt, wurde bei genauem Betrachten eine Textilwolke, in der Engel niederschweben. 

Hans Leu der Ältere hat um 1490 Bilder für einen Michaelsaltar gemalt. Eindrücklich zeigt eine der Tafeln des Triptychons den Höllensturz der aufmüpfigen Engel, die zu phantasievoll gestalteten Unwesen geworden sind und vom Erzengel Michael an der Rückkehr in den Himmel gehindert werden. Auf einem anderen Gemälde hoffen die Seelen der Toten darauf, dass sie auf der Seelenwaage Michaels als nicht zu leicht befunden werden. Ein Glück, wenn die Teufel die andere Waagschale nicht herunterzuziehen vermögen.

In Erwartung des ganz anderen

Anders ein Gemälde mit der Geburt Christi und den drei Königen. Voller Erwartung sind sie dem Stern zum neugeborenen Kind gefolgt. Im Hintergrund ist eine reale Landschaft dargestellt mit dem Ziel, dass sich die Betrachter mit dem Geschehen im Vordergrund stärker identifizieren können. Im Pfingstbild warten die Apostel mit Maria auf die Kraft und die Inspiration, die ihnen Jesus versprochen hat, und die als feurige Zungen über sie herabgekommen sind.  

Schlimmes hat ein junger Heiliger auf dem Bild des älteren Zürcher Nelkenmeisters zu erwarten. Kniend, mit gebundenen Händen, harrt er des Todesstreichs. Begütigend legt ihm der Scharfrichter die Hand auf die Schulter, während jene, die ihn verurteilt haben, geflissentlich über ihn hinwegschauen. Sie wollen kein Blut sehen. Aber weist der in die Ferne schweifende Blick des Verurteilten nicht bereits in ein besseres Leben?

Im Spiel der Erwartungen

Nach dem Gang durch die Zeit um das Jahr 1500 wagte Madeleine Witzig mit ihren Gästern vor Sigmar Polkes «Levitation» (2005) den Sprung in die Moderne. Sie bezeichnete den Künstler als den Magier des 21. Jahrhunderts, der Heiliges und vermeintlich Heiliges gern auf die Schippe nimmt. Wie Roy Lichtenstein greift er auf den Rasterpunkt zurück, der in den Druckmedien eine eigene Realität schafft. Überraschend ist die Tatsache, dass Polke als Bildträger ein durchsichtiges Polyester-Gewebe verwendet hat. Die auf dem Bild dargestellten Menschen blicken erwartungsvoll und ängstlich auf ein farbiges Phänomen, dessen Deutung den Betrachtenden überlassen ist. Polke hat sich 2009 in Zürich durch seine Glasfenster im Grossmünster einen Namen gemacht.

Einbruch des Alltäglichen

Madeleine Witzig erklärte, wie sehr sich die Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg verändert hat. Die Künstler befassten sich mit ihrer unmittelbaren Umgebung. Aus Alltagsmaterialien wie Holz, Stoff, Blech, Papier und Öl haben Kurt Schwitters und Robert Rauschenberg ihre Collagen «Merzbild K6 Das Huthbild» und «Trophy I» geschaffen. Ähnlich hat John Cage Alltagsgeräusche in seine Musik eingebaut. 

Ein weiterer Höhepunkt des Rundgangs: Joan Mirós «Grand Personnage» von 1956. Die Plastik erscheint zunächst als bearbeiteter Stein, ist aber aus Ton geschaffen, in den Steine eingefügt sind. Und was zuerst nur ein launiger Scherz zu sein scheint, regt immer mehr zum Nachdenken an. Ist nicht auch der Mensch nach der Bibel aus Ton geschaffen? Wird nicht auch der menschliche Körper wieder zu Erde? 

Vor Kandinskys Gemälde «Schwarzer Fleck» ging die Führung zu Ende. Wer den Ausführungen von Madeleine Witzig gefolgt ist, betritt das Kunsthaus künftig bestimmt mit anderen Erwartungen.

xeiro ag