Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen

Erwartungen im Leben zu zweit

Der zweite Vortrag in der Winterreihe der reformierten Kirche sorgte erneut für eine volle Kirche. Spürbar gross waren die Erwartungen der Zuhörerinnen und Zuhörer an den bekannten Paartherapeuten Professor Guy Bodenmann.

  • Die Kirche füllt sich: Prof. Dr. Guy Bodenmann vor seinem Referat. Foto: H. Boxler

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Wer eine Beziehung aufbauen will, tut dies bewusst oder unbewusst mit einem ganzen Bündel von Erwartungen. Wie soll der Partner, die Partnerin geartet sein, wie sich verhalten? Die Tatsache, dass wir einer beinahe unendlichen Anzahl von Menschen gegenüberstehen, macht die Auswahl nicht einfacher. Gesellschaftliche Faktoren prägen unsere Wahl mit. 

Bildete einst die Versorgungssicherheit eine zentrale Rolle, so wirkt sich heute die Wegwerfmentalität bis in die Partnerschaft hinein aus. Wo man früher reparierte, ersetzt man heute das, was defekt ist oder einem nicht mehr passt. Die Anzahl der Scheidungen bezeugt, dass man heute viel leichter von einer Option zur nächsten wechselt. 

Die Krux unrealistischer Erwartungen

Ausführlich trat der Referent auf unrealistische Erwartungen gegenüber dem Partner, der Partnerin ein. Da herrscht etwa der Glaube, man wisse stets, was der Partner wolle, man könne alle seine Wünsche erfüllen, man werde stets gemeinsam handeln, und es gebe keine Meinungsverschiedenheiten. Andere hingegen meinen, schon die angeborenen Unterschiede zwischen Mann und Frau führten zu zahlreichen Konflikten. Verbreitet ist die Ansicht, eine gute Beziehung stelle sich von selbst ein, ohne dass man sich anstrengen müsse. 

Sich selbst erfüllende Prophezeiungen

Eine wichtige Rolle spielen in der Partnerschaft positive und negative Erwartungen. Untersuchungen zeigen, dass die Zufriedenheit steigt, wenn Menschen glauben, zufriedener zu sein als der Durchschnitt. Hier spielt die sich selbst erfüllende Prophezeiung eine wichtige Rolle. Wer mit negativen Erwartungen eine Partnerschaft eingeht, läuft grosse Gefahr, dass sich die Partnerschaft auch in diese Richtung entwickelt. Zufriedene Paare haben hingegen eine grosse Chance, dass sich ihr Verhältnis zueinander positiv entwickeln kann. Diese Tatsache erfahren wir schon im Alltag. Wer mit negativen Erwartungen nach Hause kommt, wird dort eher Negatives antreffen. Wer sich hingegen auf die Rückkehr freut, wird auch zu Hause auf Erfreuliches treffen und offen sein gegenüber dem, was er dort vorfindet. 

Machtkampf oder Kompromiss?

Die Art der Kommunikation spielt innerhalb der Partnerschaft eine wichtige Rolle. Wer dauernd auf dem «Du hast…» und «Du machst…» herumreitet, darf sich nicht wundern, wenn sich der Partner, die Partnerin zurückgesetzt und angeklagt fühlt. Wenn eine solche Ansprache dann gar noch mit einer Verallgemeinerung wie «immer» verknüpft wird, ist der Streit vorprogrammiert. 

Im Zusammenleben ist es unumgänglich, dass immer wieder unterschiedliche Erwartungen aufeinanderprallen. Sie hat zum Beispiel das Bedürfnis nach Zärtlichkeit und gibt es durch ihr Verhalten deutlich zu verstehen. Nun kann es sein, dass er gerade keine Lust dazu hat oder bewusst auf ihren Wunsch nicht eingeht. Er will doch von ihr nicht am Gängelband geführt werden. Im Gegenteil: Er möchte einmal im Zentrum stehen. 

Erwartungskonflikte gehören zum Alltag in einer Partnerschaft. Es stellt sich nur die Frage, wie sie gelöst werden. Weiten sich die gegenseitigen Erwartungen zum Machtkonflikt aus, oder rafft sich der eine Partner dazu auf, den ersten Schritt zu einem Kompromiss zu tun oder nachzugeben?

Unerfüllte Erwartungen

Wir alle wissen, dass nie alle Erwartungen von Partnerinnen oder Partnern erfüllt werden können. Leider lassen sich Erwartungen nicht riechen. Wir müssen sie aussprechen und über sie reden. Bevor es soweit ist, muss der eine Partner überprüfen, ob seine Erwartungen überhaupt realisierbar sind. Ausserdem muss er sich klar darüber werden, welche Erwartungen für ihn besonders wichtig sind. Das erhöht seine Toleranz im Gespräch mit dem andern. Vor allem soll sein Gegenüber spüren, dass es akzeptiert ist. 

Wer mit einer fremden Erwartung konfrontiert ist, muss diese verstehen. Allenfalls muss er nachfragen. Das gibt dem Partner die Gewissheit, dass er verstanden werden will. Nicht jede Erwartung kann erfüllt werden. Manchmal muss der damit Konfrontierte auch seine eigenen Grenzen aufzeigen. Wichtig ist, dass es nicht zum Machtkampf um gegenseitige Ansprüche und Erwartungen kommt.

Die Anwesenden bedankten sich beim Referenten mit einem gros-sen Applaus.

Weitere Aktivitäten im Rahmen der Winterreihe: www.ref-meilen.ch

 

xeiro ag