Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen

Eine Sache der Verhältnismässigkeit

Christian Schmidt beklagt in seinem Leserbrief: «Keine Hilfe für Aram» (MAZ vom 7. April) die angeblich inhumanen Bedingungen für eine irakische Flüchtlingsfamilie. Meilen mag eine der reichsten Gemeinde in der Schweiz sein, trotzdem (oder deswegen) ist der Wohnraum äusserst knapp und, wie wir alle wissen, leider sehr teuer. Dass die angesprochene Flüchtlingsfamilie, die – so darf man annehmen – ums nackte Überleben kämpft, in eine Gemeinschaftswohnung eingewiesen wurde, finde ich nun wirklich nicht schlimm.

Einfache oder Sozial-Wohnungen sind in Meilen ein rares Gut. Diese Wohnungen sollten prioritär jenen Familien zur Verfügung stehen, die jahrzehntelang die Gesellschaft mitgetragen haben.

Vielleicht ist es Ihnen entgangen, Herr Schmidt, aber es gibt immer mehr Schweizer Familien, in denen der Ernährer (oft über fünfzigjährig) die Arbeit verliert. Findet er oder sie keine neue Stelle, was nicht unwahrscheinlich ist, wird er ausgesteuert, und die 2. Säule wird ausbezahlt. Dann muss das ganze Geld aufgebraucht werden. Kommen diese bedauernswerten Leute ins Rentenalter, stehen sie vor dem Nichts, auch wenn sie mal ein stolzes Sümmchen auf dem Konto hatten. Wer eine Zeitlang kein Einkommen hatte, weiss, wie schnell ein Konto schmilzt. 

Sollen somit all diese Leute in einer Abbruchliegenschaft zusammengepfercht wohnen, damit die raren verfügbaren Wohnungen mit Flüchtlingen belegt werden? Ich spreche von jenen Familien, die ein Leben lang Steuern bezahlt, sich in Vereinen engagiert und Militärdienst geleistet haben.

Noch etwas: Wenn Leute aus meiner Generation das Elternhaus verlassen haben, so nahmen sie sich nicht selten aus Kostengründen ein Zimmer oder zogen in eine WG. Da war es mit der Privatsphäre auch nicht so gut bestellt; zudem waren diese Räume nicht mit Stilmöbeln ausgestattet und im – gemeinsamen! – Badezimmer war kein Carrara-Marmor verlegt. Herr Schmidt – wir haben’s überlebt!

Was gar nicht geht, ist der kausale Zusammenhang, der im Leserbrief zwischen Flüchtlingsbetreuung und der Auffälligkeit junger Ausländer hergestellt wird. Quasi eine Vorentschuldigung für das eventuelle Fehlverhalten eines Flüchtlings zu liefern, ist mehr als fahrlässig. Decodiert man die entsprechende Passage im Leserbrief, so heisst sie: Wird Aram nicht das von seiner Familie (oder seinen Betreuern?!) gewünschte Umfeld zur Verfügung gestellt, so seid ihr Meilemer selber schuld, wenn er dereinst aus dem Ruder läuft. – Das ist eine Unverschämtheit! 

Echten Flüchtlingen soll geholfen werden, da dürften sich alle einig sein. Diese Flüchtlinge dürfen von uns Verständnis für ihre Lage erwarten, wir erwarten die entsprechende Anpassungsfähigkeit und keine überzogenen Forderungen. 

 

xeiro ag