Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen

Ein nicht alltäglicher Geburtstag

Viel hat der Männerchor Meilen in seiner langen Geschichte schon erlebt. Und als ob er noch eine neue Erfahrung gebraucht hätte, schlug das Corona-Virus dem traditionsreichen Chor ein Schnippchen. Zweimal musste die Jubiläumsfeier verschoben werden. Am vergangenen Sonntag hat es nun im dritten Anlauf geklappt.

  • Festlicher Auftritt im Löwen-Saal: Der Männerchor Meilen, der vor 200 Jahren gegründet wurde. Fotos: MAZ

  • Gemeindepräsident Christoph Hiller gratuliert Präsident Otti Wegmann zum aussergewöhnlichen Geburtstag seines Chors.

  • Gemeinsamer Gesang mit dem Gastchor, dem Gospelchor der Kantorei Meilen.

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Bereits am Nachmittag begrüsste der Präsident des Chors, Otti Wegmann, eine illustre Schar von geladenen Gästen. Der Gemeinderat, die reformierte und die katholische Kirchenpflege, die Mittwochgesellschaft und das Heimatbuch waren präsidial vertreten. 

«Mir händs gschafft!» begann der Präsident seine kurze Ansprache. Und darin schwang nicht nur die Erleichterung über die erfolgreich überstandenen Turbulenzen der vergangenen Corona-Monate mit, sondern auch der Stolz, als erster Männerchor der Schweiz diesen besonderen Geburtstag feiern zu können. Von Herzen kam sein Gruss: «Schön sinder alli da!»

Einst mit 100 Sängern

Der Männerchor Meilen wurde vor 200 Jahren mit 14 Sängern gegründet. Heute zählt er 15 Mitglieder. Hinter diesen schlichten Zahlen verbirgt sich eine bewegte Geschichte mit Zeiten, in denen der Chor aus über 100 Mitgliedern bestand. 

Als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Zuge der industriellen Revolution der Wohlstand stieg und die Menschen nach und nach über mehr Freizeit verfügten, waren die Vereine die Orte, an denen das gesellschaftliche Leben stattfand. In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten gingen die Mitgliederzahlen jedoch stetig zurück. 2014 konnte schliesslich der Mitgliederschwund gebremst werden. Die Mannen fanden wieder einen Weg, vierstimmig zu singen. Das 200-Jahre-Jubiläum konnte ins Auge gefasst werden. Am 3. Juni des vergangenen Jahres fand die erste Sitzung des OKs statt. Vom Lockdown und dem Corona-Virus liess es sich nicht beirren.

Gegründet im Jahr, als Napoleon starb

Zum Glück! Um 17 Uhr begann das Jubiläumskonzert. Als Gastchor konnte den Gospelchor der Kantorei Meilen gewonnen werden. Mit einem schmissigen «Grüss euch Gott, alle miteinander» aus dem «Vogelhändler» eröffneten die Chöre gemeinsam den Abend. Danach übernahm der Männerchor unter der Leitung des langjährigen Dirigenten Peter Gross. Mit seiner grossen Erfahrung und seiner Leidenschaft für Chormusik hat er entscheidend zur Sangesfreude der Männer beigetragen. Martin Oettli, Sänger in beiden Chören, nutzte den Wechsel vom Männerchor zum Gospelchor für einen Bericht von den Ereignissen und Gegebenheiten der Gründungszeit des Chores. Es war das Jahr, in dem Napoleon Bonaparte starb, das Löwendenkmal in Luzern eingeweiht wurde und man in der Schweiz noch mit Batzen und Kreuzern bezahlte.

Anekdoten aus vergangenen Zeiten

Der Gospelchor der Kantorei sang anschliessend einige Spirituals, angeleitet von der charismatischen Flurina Ruoss. Nach dem wunderschönen «Irischen Segen» trat Otti Wegmann wieder ans Rednerpult und gab anhand von zwei Anekdoten einen Einblick in die Geschichte des Männerchors.

Zunächst erzählte er vom Sängerfest, das der Männerchor 1907 in Meilen organisierte. Allein das Organisationskomitee bestand aus 92 Personen! Eingeladen waren Chöre aus den Gemeinden rund um den Zürichsee. Extrazüge und Extraschiffe brachten die zahlreichen Sänger nach Meilen. Es folgten Konzert, Festumzug, Bankett und ein Unterhaltungsprogramm mit einem eigens für diesen Anlass geschriebenen Festspiel mit 450 Mitwirkenden. 

Die andere Anekdote stammte aus seiner eigenen Präsidialzeit. Auf dem Programm stand Händels «Dettinger Te Deum». Am Donnerstagmorgen vor dem Konzertwochenende erreichte den Präsidenten der Anruf seines Dirigenten, er sei krank und könne die Aufführungen unmöglich dirigieren. Ersatz war schnell gefunden, Otti Wegmann erzählte den Chören nichts. Bei der Generalprobe wurden die Sänger und Sängerinnen dann einfach mit der neuen Situation konfrontiert. Für Fragen und Unruhe war keine Zeit. Die Probe begann, die Aufführungen im Fraumünster in Zürich und in der reformierten Kirche in Meilen wurden ein Erfolg.

Der Wein kommt in zwei Jahren

Nach der Pause ergriff Gemeindepräsident Christoph Hiller das Wort. Er betonte, dass dies auch für ihn als Gemeindepräsident etwas Ausserordentliches sei, einem zweihundertjährigen Jubilar die Glückwünsche des Gemeinderates zu überbringen. Natürlich kam er nicht mit leeren Händen. Nebst der finanziellen Unterstützung des Jubiläums hätte er gerne den Sängern ein paar Flaschen Gemeinderatswein übergeben. Nun ist aber die ausserordentliche Situation eingetreten, dass der Keller des Gemeinderats ausgetrunken ist. Und da die Unwetter dieses Jahres wohl zur Folge haben, dass der Gemeinderat im kommenden Jahr keinen Wein wird einlagern können, müssen sich die Sänger bis ins zweihundertzweite Jahr ihres Bestehens gedulden. Dann aber, das sei versprochen, würden sie den Wein bekommen. Als stellvertretendes Geschenk überreichte der Gemeindepräsident dem Chorpräsidenten eine Flasche Gemeinderatsgeist. Otti Wegmann bedankte sich herzlich für die freundlichen Worte und nahm die Herausforderung gerne an, den Chor noch mindestens zwei Jahre am Leben zu erhalten.

«Marching on»

Abschliessend sangen beide Chöre gemeinsam den Gefangenenchor aus «Nabucco». Der aufmerksame Hörer mochte sich fragen, welche Botschaft, damit übermittelt werden sollte. Ob die Männer sich als Gefangene einer Zeit erleben, in der das Singen im Chor nicht mehr boomt? Nun, nach der Standing Ovation sangen sie als Zugabe noch einmal «Glory Hallelujah», dessen Refrain damit endet «His soul goes marching on»! Und das ist dem Männerchor Meilen zu wünschen, dass seine Seele noch lange unverdrossen weitermarschiert.

xeiro ag