Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen

Ein ganz besonderes Abschiedsgeschenk

Ein Hobby-Uhrmacher aus Meilen hat im Internet eine Armbanduhr aus den 1970er-Jahren ersteigert. Ihre aussergewöhnliche Meilemer Vergangenheit liess sich dank dem Protokoll einer Gemeinderatssitzung rekonstruieren.

  • Die restaurierte Stimmgabel-Omega. Das ursprüngliche Zifferblatt war dunkelblau.

  • Welchem Gemeinderat wurde diese Uhr vor 46 Jahren geschenkt? Fotos: MAZ

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Eines der Steckenpferde des Freizeit-Uhrmachers sind die sogenannten Stimmgabel-Armbanduhren. Sie galten vor dem Aufkommen der Quarzuhren in den 1970er-Jahren als Nonplusultra in Sachen Genauigkeit– die NASA benutzte sie beispielsweise für ihre Weltraum-Missionen. Stimmgabel-Uhren waren auf dem Mond, wurden aber auch von technikbegeisterten Privatpersonen gekauft.

Eine Schweizer Erfindung

Die Uhren laufen mit einer Knopfbatterie und erzeugen die für ihr Funktionieren erforderlichen Schwingungen mit einer Stimmgabel. Die erste Stimmgabeluhr baute der Basler Physiker Max Hetzel 1954, ab 1960 kamen sie beim japanisch-amerikanischen Uhrenhersteller Bulova unter dem Namen Accutron in den Verkauf. Später übernahmen auch namhafte Hersteller wie Omega das Prinzip, bevor die noch genaueren Quarzuhren gegen Ende der Siebzigerjahre die Herrschaft übernahmen. Stimmgabeluhren werden aber in geringer Stückzahl bis heute produziert und von Fans auf der ganzen Welt gesammelt und restauriert.

Rostig, zerkratzt, verbogen

Hier kommt nun der Meilemer Hobby-Uhrmacher ins Spiel: Mitte letzten Jahres stolperte er auf der Verkaufsplattform ricardo.ch über eine für ihn interessante Omega-Seamaster Stimmgabeluhr in Chronometerqualität, angeboten von einem Verkäufer im Welschland. Sie hatte einen Feuchtigkeitsschaden und Rost, ein zerkratztes Glas, verbogene Zeiger, ein blaues, hoffnungslos verwittertes Zifferblatt – viele reizvolle Herausforderungen für einen Uhrmacher! Plus: auf der Rückseite der Uhr war ein sehr interessanter kurzer Text eingraviert: «Das Gemeinderatskollegium / Meilen 1974». Was für eine Geschichte steckte hinter der Uhr? War sie einst das Abschiedsgeschenk für einen abtretenden Gemeinderat? Und wenn ja, für wen?

Das Gemeinderatsarchiv hilft weiter

Eine Anfrage bei der Gemeinde Meilen half weiter – Gemeindepräsident Christoph Hiller und Gemeindeschreiber Didier Mayenzet nahmen sich der Angelegenheit an und wurden im Archiv fündig: Laut Protokoll der Gemeinderatssitzung vom 19. März 1974 wurde die Omega tatsächlich einem Gemeinderat vom Kollegium zum Abschied geschenkt. 

Glücklicher Empfänger war Theodor Kloter (1916-1990), der fünf Amtsdauern im Gemeinderat gesessen hatte, vier davon als Präsident. Er vertrat zudem den Landesring der Unabhängigen (LdU) während zehn Jahren im Kantonsrat und später im Nationalrat. Kloter hatte sich «eine elektronische Uhr (...), die ca. Fr. 500.- kosten würde» ausdrücklich als Abschiedsgeschenk gewünscht. 

Gestrandet im Welschland

Wie die Omega ins Welschland geraten ist und weshalb sie in so schlechtem Zustand war, wird man wohl nie erfahren. Der Verkäufer aus dem Welschland konnte sich nicht einmal mehr daran erinnern, wie die Uhr in seinen Besitz gekommen war. Inzwischen ist sie jedenfalls wieder auferstanden und läuft einwandfrei – mit sauber restauriertem Innenleben, poliertem Glas und neuen Zeigern, allerdings mit silbernem Zifferblatt, weil keine blauen mehr aufzutreiben sind.  

Nach heute geltender Regelung erhalten Gemeinderätinnen und -räte bei ihrem Rücktritt übrigens einen Blumenstrauss, eine Wappenscheibe und ein Naturalgeschenk gemäss individuellem Wunsch im Wert von 100 Franken pro Amtsjahr. 

xeiro ag