Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen

Die weihnachtliche Wahrheit

Meine Tochter hat mir ein Mail geschickt: Papa, was wünscht du dir zu Weihnachten? – Jedes Jahr stehe ich irgendwie vor dem gleichen vorweihnachtlichen Problem. Was wünsche ich mir eigentlich? Es muss doch etwas geben, das seinen Reiz nicht dadurch verliert, dass man es in den Händen hält.

  • An Weihnachten gibt es festliche Rituale – und das Himmelslicht. Foto: zvg

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Und dann kommt es unaufhaltsam: Das Weihnachtsfest mit seinen Ritualen, dem Weihnachtsbaum, den Kerzen. Der Heilige Abend mit seinem immergleichen Ablauf: erst essen, dann singen, dann die Weihnachtsgeschichte, dann Bescherung. Schliesslich der Besuch, den wir machen. Oder die Gäste, die wir empfangen am ersten oder zweiten Feiertag. 

Jeder kann seine Geschichte vom Weihnachtsfest erzählen: wann der Weihnachtsbaum geschmückt wird, die Geburtsgeschichte Jesu aus dem Lukasevangelium gelesen und vielleicht eine Strophe aus einem Weihnachtslied gesungen wird. Wann schliesslich die Geschenke ausgepackt werden. Ein Ritual in wenigen Variationen, ob früher in Meilen oder heute in Zürich, Berlin oder London. Es ist ein Ritual, das uns wichtig ist. Wir kennen uns schliesslich mit Weihnachten aus. Wir haben alle eine eigene Weihnachtsgeschichte: Weihnachten, als wir selber noch Kinder waren, mit Vater und Mutter und den Geschwistern damals! Weihnachten, als die eignen Kinder noch klein waren. Weisst du noch! 

Weihnachten kennt jeder von uns in- und auswendig. Christkinder sind wir alle.

Wir sind weihnachtlich gross geworden. Für viele gehört auch der Kirchgang dazu, das Zusammenrücken in den alten Mauern, in denen seit Jahrhunderten Menschen an Weihnachten zusammenkommen. Manche Eltern sassen schon da, vielleicht sogar die Grosseltern, und hörten die gleiche Geschichte: «Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging...» 

Wir kennen Weihnachten. Wir haben es im Gefühl. Vor allem in unserer Phantasie von der weissen Weihnacht, wenn sich eine dicke Decke aus Schnee über allen Streit und alles Laute legt. Wir suchen jedes Jahr von Neuem dieses Weihnachtsgefühl. Sonst würden wir uns wohl nicht so viel Mühe mit den Geschenken geben, dem Kochen, dem Backen, der geschmückten Wohnung, der weihnachtlichen Beleuchtung auf der Dorfstrasse. Noch der schrägste Weihnachtskitsch, selbst die Weihnachtsdepression erzählen von der Suche nach dem Weihnachtsgefühl, das irgendwann in uns entstanden ist, als wir Kinder waren und wunderbar beschenkt wurden.

Wer aufmerksam durch die Welt geht und es versteht, sich von der alten Geschichte von der Geburt Jesu überraschen zu lassen, wird bald merken, dass Weihnachten nicht im Weihnachts-Gefühl aufgeht. Es ist viel mehr als Tannenbaum und Kerzen, mehr als die Erinnerungen und die Erwartungen von uns Weihnachtsfrauen, Christkindern und Weihnachtsmännern. Weihnachten erzählt von einer Wahrheit, die wir nicht kennen, Weihnachten erzählt von Gott, von der Macht, die unsere Welt erhält und trägt. Diese Macht wandert aus dem Himmel aus in einen Futtertrog.

Krippe und Stall werden für uns ein Zeichen für das Himmelslicht, das in unsere Welt scheint, so finster es auch in uns aussieht, so bitter unsere Lebenserfahrungen auch sein mögen. Das Licht scheint auch ohne unser Rennen und Laufen und Tun und Machen. Es lässt uns unser Leben in einem anderen Licht erscheinen. Jeder, der nach dunklen Tagen und schlaflosen Nächten voller Sorgen und tiefen Enttäuschungen einen neuen Anfang gefunden hat, kennt diese weihnachtliche Wahrheit. Sie tut sich auf, stellt sich ein, kommt «vom Himmel hoch». 

Frohe Weihnachten! 

 

xeiro ag