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Die Gettysburg Address

Der Applaus nach seiner Ansprache war verhalten, und als Präsident Lincoln sich wieder setzte, meinte er zu seinem Leibwächter, dass diese Rede nicht lange nachhallen werde. Auch in Zeitungskommentaren konnte man lesen, dass seine Äusserungen «töricht, banal und wässrig», ja ein «dummes Geschwätz» gewesen seien. Sie alle sollten sich irren. Lincoln eingeschlossen.

Mitten im amerikanischen Bürgerkrieg, auf dem Schlachtfeld von Gettysburg, wurde heute vor 158 Jahren ein Soldatenfriedhof eingeweiht. Der Hauptredner war Edward Everett, der eine zweistündige Rede hielt, die Eindruck machte, grossen Applaus hervorrief – und heute weitgehend vergessen ist. Lincolns Grussadresse dauert gerade mal zwei Minuten, und heute kennt sie jedes Kind in den USA. Dort ist sie Schulstoff und wurde während Generationen auswendig gelernt.

Lincoln sprach in seinen wenigen Worten davon, dass ihre Vorfahren eine neue Nation gegründet hätten, «dem Grundsatz geweiht, dass alle Menschen gleich geschaffen sind. Nun stehen wir in einem grossen Bürgerkrieg, der eine Probe dafür ist, ob diese oder jede andere … solchen Grundsätzen geweihte Nation dauerhaft Bestand haben kann.» Mit diesen schlichten Worten brachte Lincoln auf den Punkt, worum es in dem Krieg ging. «Es ist … an uns», schloss er seine Ansprache, alles daran zu setzen, «dass die Regierung des Volkes, durch das Volk und für das Volk nicht von der Erde verschwinden möge.»

Edward Everett verstand sogleich die Bedeutung von Lincolns Worte. Nach der Einweihung sagte er zu ihm: «Verehrter Herr Präsident! Ich wünschte, ich könnte mir schmeicheln, den Kern der Sache in zwei Stunden so prägnant zum Ausdruck gebracht zu haben, wie es Ihnen in zwei Minuten gelungen ist.»

Eine Regierung des Volkes, durch das Volk und für das Volk – darum geht es in der Demokratie, das ist das Projekt der westlichen Moderne. Das darf nicht scheitern.

 

xeiro ag