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Der Urgrossvater erfand die Kunsthaus-Maskenbälle

Sie hat ihn nie persönlich kennengelernt: Regula Schmids Urgrossvater starb in ihrem Geburtsjahr. Die intensive Beschäftigung mit dem Nachlass des Kunstmalers, Grafikers und Karikaturisten Fritz Boscovits hat ihr jedoch eine ganz neue Welt eröffnet – und bereits zu zwei Buchpublikationen geführt.

  • Die Meilemer Autorin Regula Schmid bei der Buchvernissage im Hotel Baur au Lac, Zürich. Fotos: zvg

  • Diverse Künstler malten die Plakate für die Maskenbälle. Kräftiges Blau dominiert die Szene auf diesem Bild von Fritz Boscovits.

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Das neueste, dritte Werk der Urenkelin weist nun über den seinerzeit sehr bekannten Maler hinaus: Es hat die Kunsthaus-Maskenbälle zum Thema und damit ein rauschendes gesellschaftliches Ereignis in Zürichs Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts.

Das Ball-Plakat ist ein Lieblingswerk

Regula Schmid widmet seit einigen Jahren einen grossen Teil ihrer Zeit ihrem Urgrossvater Fritz Boscovits, mit dessen Werken sie aufgewachsen ist, denn sie waren in der Familie immer ganz selbstverständlich präsent; die Mutter der Autorin ist die Tochter von Boscovits’ Tochter Irma, die in Meilen wohnte. Da Boscovits ein äusserst vielseitiger Künstler war, umfasst sein Nachlass nicht nur Ölgemälde, sondern auch Skizzenbücher, selbst gebasteltes Spielzeug, 4000 Nebelspalter-Hefte mit seinen Karikaturen sowie einige grosse Werbeplakate. 

«Diese Plakate gehörten schon immer zu meinen Lieblingswerken», erzählt Regula Schmid. Die Meilemerin begann, sich intensiver mit dem Thema Plakate auseinanderzusetzen, und stellte fest, dass Boscovits bereits seit 1894 solche malte und unter anderem zwischen 1898 und 1918 die Plakate für die Ausstellungen der Zürcher Kunstgesellschaft entwarf. Ein besonders auffälliges Exemplar im Familienbesitz jedoch zeigt ein anderes Sujet: Es wirbt in kräftigem Blau, Schwarz und Rot für den Kunsthaus-Maskenball vom 10. bis 12. Februar 1923 im Hotel Baur au Lac.

Im Jagdfieber

Regula Schmid, sie arbeitet hauptberuflich als Mittelschullehrerin, ging auf Spurensuche und wurde fündig. Das attraktive Material zu den Kunsthaus-Maskenbällen, die in den 1920er-Jahren in Zürich stattfanden, wartete in diversen Archiven förmlich darauf, endlich ausgegraben und der Öffentlichkeit präsentiert zu werden. Schmid fand nicht nur weitere Affichen für den Maskenball, die von anderen Künstlern gestaltet worden waren, sondern auch Menükarten, Zeichnungen, Zeitungsartikel und vieles mehr. «Ich kam ins Jagdfieber», sagt sie lachend. Einiges trug sie über Umwege bei Privaten zusammen, anderes war zwar irgendwo gelagert, doch teilweise nicht vollständig erfasst und grösstenteils noch nie abgebildet worden.

Legendäre Feste und üppige Dekorationen

Die Kunsthaus-Maskenbälle waren in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts, nur wenige Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs, legendäre Feste, der Höhepunkt der Zürcher Ballsaison, der «place to be». Die Zürcher Gesellschaft riss sich um die begehrten und rasch ausverkauften Eintrittskarten, man tanzte kostümiert bis in den Morgen in den üppig dekorierten Sälen, heute würde man sagen: Man liess es krachen. «Es kommt mir vor, als wollten die Menschen alles aufholen, was sie in den Kriegsjahren zuvor verpasst hatten», sagt Regula Schmid.

Der erste Ball fand 1921 im Kunsthaus selbst statt, verursachte aber Schäden an den Wänden und Böden, sogar an Bildern und Bilderrahmen – der wilde Festbetrieb bekam den Kunstwerken gar nicht gut. Deshalb war der Anlass in den folgenden Jahren bis zu seiner letzten Ausgabe im Jahr 1932 zu Gast im Hotel «Baur au Lac» in der Nähe der Tonhalle. An die 2000 Gäste feierten jeweils verteilt auf zwei Abende und Nächte. Ihnen wurde alles an Aufwand geboten, was man sich vorstellen kann: Bis zu 17 verschiedene Säle wurden dekoriert, es gab diverse Bands, legendär war die alljährliche «Sumpf-Bar», und 1928 führte gar eine Rutschbahn von der Garderobe direkt ins Untergeschoss. 

Fritz Boscovits als treibende Kraft

Immer im Zentrum des Geschehens war Regula Schmids Urgrossvater. Denn es waren alles Künstler der Stadt, welche jeweils nicht nur die Plakate, sondern auch die Menükarten, die gesamte Dekoration und sogar Masken und Kostüme gestalteten. Fritz Boscovits war der prägende Kopf der dafür zuständigen «Unterhaltungskommission» der Zürcher Kunstgesellschaft. Er lieferte nicht nur Ideen und plante den Anlass mit, sondern gestaltete ganze Räume zu den unterschiedlichsten Mottos. Es gab Palmenhaine, Höhlen mit Schlangen und Drachen, eine Jazzband-Bar und Strassenzüge mit Marktszenen, in denen sich Pierrots, Eishockeyaner, Rumba-Tänzerinnen, Clowns und Mickymaus-Figuren tummelten.

In Zusammenarbeit mit dem Verlag Hier und Jetzt hat Regula Schmid nun im Buch «Der Kunsthaus-Maskenball, Zürichs goldene Zwanzigerjahre» die Geschichte des legendärsten aller Zürcher Maskenfeste aufgearbeitet. Es beginnt mit einem einleitenden Text, gefolgt von einem ausführlichen Bildteil mit Erklärungen zu den vielfältigen Abbildungen und lässt damit pünktlich zum 100-Jahre-Jubiläum der Kunsthaus-Maskenbälle auch ein Stück Zürcher Kulturgeschichte wieder aufleben.

Regula Schmid: Der Kunsthaus-Maskenball, Zürichs goldene Zwanzigerjahre. Hier und Jetzt, 2021. Filminterview auf Youtube: Verlag Hier und Jetzt, Frage an die Autorin Regula Schmid.

xeiro ag