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Der Entscheid über die Begegnungszone wurde vertagt

Drei Stunden dauerte die Gemeindeversammlung in der reformierten Kirche zum Thema Begegnungszone auf der Dorfstrasse. Nach emotionalen Voten beschloss die 558-köpfige Versammlung, dass über den Kredit an der Urne abgestimmt werden soll.

  • Ob die Dorfstrasse eine fussgängerfreundliche Einkaufsstrasse wird, entscheidet sich in gut zwei Monaten. Foto: MAZ

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Der Entscheid, die Gemeindeversammlung vom letzten Montag nicht im Löwen-Saal mit seinen bloss 300 Plätzen abzuhalten, sondern in der reformierten Kirche, erwies sich als klug: Dank eilends aus dem Chor herbeigetragenen Stühlen fanden bis gegen halb neun alle anwesenden 558 Stimmberechtigten ein Plätzchen. 

Durchgangsverkehr verringern

Gemeindepräsident Christoph Hiller eröffnete die Versammlung mit der Bemerkung, man sei auf die Kirche ausgewichen aus der Überlegung heraus «wenn auch nur jeder zweite Leserbriefschreiber kommt, wird es voll». In der Tat hatte der Antrag des Gemeinderats über einen Kredit von 875'000 Franken für eine 250 Meter lange Begegnungszone mit Tempo 20 auf der Dorfstrasse zwischen Burg- und Bahnhofstrasse bereits im Vorfeld für engagierte Diskussionen gesorgt, die nun an der Gemeindeversammlung ihre Fortsetzung fanden. 

Doch zuerst stellten die verantwortlichen Gemeinderäte Peter Jenny und Thomas Steiger das Geschäft vor, «bewusst sehr ausführlich und im Detail». Peter Jenny erklärte, dass es das erklärte Ziel des Gemeinderats sei, die Dorfstrasse für Autofahrer durch Tempo 20 unattraktiver zu machen, den Durchgangsverkehr zu verringern und gleichzeitig die Einkaufsstrasse aufzuwerten. Die Fussgänger sollten Vortritt geniessen und das Parkieren sollte vereinfacht werden, wodurch allerdings acht Parkplätze wegfallen. 

Die Bitte um ein beherztes Ja 

Der Gemeinderat habe nichts gegen Autofahrer, beteuerte Christoph Hiller, es gehe vielmehr darum, dass die Geschäfte dank einem attraktiven Dorfzentrum überleben können. Er erinnerte auch daran, dass eine solche «fussgängerfreundliche Einkaufsstrasse» im Dorf bereits seit 1988 – seit einer Generation also – ein Thema ist. 2009 wurde ein ähnliches Projekt an der Urne knapp abgelehnt. Doch anders als heute gab es vor zehn Jahren noch kein Parkhaus, um wegfallende Parkplätze zu kompensieren. «Lösen Sie die unbefriedigende Situation jetzt mit einem beherzten Ja», warb der Gemeindepräsident für die Pläne des Gemeinderats.

Weniger Bäume entlang der Strasse

Die zahlreich auftretenden Rednerinnen und Redner zeigten allerdings, dass die «vorliegende schlanke Lösung», wie RPK-Präsident Dieter Zaugg sie nannte, nicht allen Meilemern einleuchtet. Diverse Anregungen wurden formuliert. Ein Votant wünschte sich, dass mehr Behindertenparkplätze vorgesehen werden. Ein anderer sagte, mit der Parkzeitbeschränkung auf 30 Minuten könne er nicht leben, es müsse eine Stunde Parkzeit möglich sein: «Der Mensch ist bequem und läuft nicht mit vier Einkaufstaschen ins Parkhaus, daran ändert auch eine schöne Dorfstrasse nichts.» Ein weiterer forderte, die flankierenden Massnahmen wie etwa das geplante Lastwagen-Fahrverbot müssten zuerst gesichert sein, bevor man abstimmen könne, und ein Bürger stellte den Antrag, pro Baumgrube nur einen Baum vorzusehen statt deren zwei – dieser Antrag wurde vor der Schlussabstimmung mit 288 Ja gegen 252 Nein angenommen, die Kosten werden neu nur noch 825'000 Franken betragen. 

Gesamtkunstwerk oder verbesserungsbedürftig?

Zu diskutieren gab erneut die Frage, ob die vorgesehene Fahrbahn breit genug ist, dass der Verkehr flüssig rollen kann. Der Rückweisungsantrag von Urs Roffler, der mehr Strassenraum zu Lasten des Bereichs für die Fussgänger und eine Überarbeitung der Vorlage forderte, scheiterte allerdings.

Die Parteien bekräftigten ihre bekannten Positionen. Ausser der SVP sind alle Ortsparteien für die Begegnungszone. Für Applaus sorgte Roland Siegenthaler, Co-Präsident der Grünen, der mit seinen selbst gezeichneten Comics für den «250 Meter breiten Fussgängerstreifen auf der Dorfstrasse» warb und das «Gesamtkunstwerk» des Gemeinderats lobte, das man nicht mit Schnellschüssen abändern dürfe – der Gemeindepräsident musste zur Glocke greifen und die Bürgerinnen und Bürger daran erinnern, dass an der Gemeindeversammlung weder Buhrufe noch Klatschen toleriert würden. 

Edi Bolleter von der SVP erntete ebenfalls einen Heiterkeitserfolg, als er sagte, seine Partei wolle nicht, «dass die Leute auf der Strasse diskutieren». Die Strasse gehöre dem Verkehr, und wer diskutieren wolle, solle auf den Dorfplatz gehen, «der war nämlich teuer». Sandra Hagmann beklagte im Namen der SP, die Dorfstrasse sei heute zu gefährlich, und auch der frisch gebackene FDP-Präsident Rainer Stelzer äusserte namens seiner Partei den «innigen Wunsch», dass die Vorlage angenommen wird.

Stauproblem, nicht Tempoproblem

Wirtschaftsprofessor Reiner Eichenberger hingegen warnte vor falschen Erwartungen: «Es ist Stress vorprogrammiert, die Busse werden sich stauen. Wir haben ein Stauproblem, kein Tempoproblem.» Das Bevölkerungswachstum wie auch die gesteigerte Attraktivität der Strasse würden unweigerlich zu noch mehr Verkehr führen – «und wo soll der hin?» Drogist Thomas Roth, mit seinem Geschäft seit 29 Jahren an der Dorfstrasse beheimatet, sprach gegen 23 Uhr schliesslich: «Ich als direkt Betroffener kann mit einem Ja und mit einem Nein gleich gut leben – stimmen Sie ab, wie Sie es für richtig halten!»

Bei der Schlussabstimmung sprachen sich schliesslich 288 Bürger für und 252 gegen die Begegnungszone aus. Doch wegen eines Antrags, das Geschäft an die Urne zu bringen, musste nochmals abgestimmt werden. Da 186 Personen für die Urnenabstimmung votierten, also mehr als das erforderliche Drittel der Anwesenden, werden sich die Meilemerinnen und Meilemer am 19. Mai nochmals zur Vorlage äussern können.

Platten: Grundsteinlegung folgt bald

Wie üblich fand vor der Gemeindeversammlung die Infostunde des Gemeinderats statt. Drei Redner kamen zum Zug. Als erste präsentierte die Direktorin des Alterszentrums Platten, Gisela Kessler-Berther, den momentanen Stand der Dinge im 50-Millionen-Projekt «Weiherhaus», das im Frühling 2021 eingeweiht werden soll. Mit Fotos zeigte sie, wie die Bewohner im heimelig ausgestalteten «Exil» in Küsnacht direkt am See leben und berichtete, dass man mit den Bauarbeiten im Zeitplan liegt, und dass kommende Woche die Grundsteinlegung geplant ist. Die Bewohner in Küsnacht können übrigens dank einer Webcam immer live mitverfolgen, was auf der Platten gerade läuft.

Bis zu 120 neue Wohnungen in Meilen

Vom Projekt der Stiftung Burkwil, die in der Weid 80 bis 120 Wohnungen für Jung und Alt samt Café, Gewerbe, Quartierladen und Grünraum plant, berichtete Gemeinderätin Irene Ritz-Anderegg. Die 18'787 Quadratmeter Land werden der Stiftung von der Gemeinde zu marktüblichen Konditionen im Baurecht abgegeben. Dennoch sollen die Mieten erschwinglich sein, und das Projekt wird die Bedürfnisse älterer, weniger mobiler Menschen besonders berücksichtigen. Im Studienauftrag, der auf Kosten der Stiftung durchgeführt wird, ist eine qualitativ hochwertige Architektur gefordert. Im Juni oder allenfalls anfangs September wird das Projekt an einer öffentlichen Orientierungsveranstaltung im Detail präsentiert.

Sonderbauvorschriften interessierten am meisten

Gemeinderat Heini Bossert stellte schliesslich ein weiteres Mal den Status Quo im Projekt neue Bau- und Zonenordnung vor. Nach vier durchgeführten Infoveranstaltungen in den Wachten vor insgesamt rund 240 Personen könne er berichten, dass die Grundhaltung des Gemeinderats unterstützt werde, wobei sich die geplante Verdichtung mit Sonderbauvorschriften beim Publikum als Schwerpunktthema herauskristallisiert habe. Mai bis Juli werden die öffentliche Auflage und eine Vernehmlassungsrunde mit Sprechstunden folgen.

xeiro ag