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Defragmentiert

Die Meilemerin Michèle Samter und die in Wetzikon wohnhafte Pia Roth zerlegen etwas ehemals Ganzes in Einzelteile und fügen es zu neuen Körpern und Bildern zusammen.

  • Au fil du temps #5 von Michèle Samter. Fotos: zvg

  • Objektserie von Pia Roth.

  • Objektserie von Pia Roth.

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Der etwas eigenartige Ausstellungstitel «Defragmentiert» ist offensichtlich der Sprache der Computer entnommen, wo er eine durchführbare Neuordnung von fragmentierten Datenblöcken auf einem Speichermedium bedeutet.

Auf die Werke der beiden Künstlerinnen übertragen, die ab heute im Ortsmuseum ausstellen, heisst «Defragmentiert» aber auch, dass sie mit ihrer Kunst eine neue Wirklichkeit erreichen.

Fragil und widerstandsfähig

Michèle Samter erschafft aus textilen Fragmenten Quilts, Pia Roth macht aus Papierschnitzeln und Marmor- sowie Alabasterblöcken dreidimensionale Objekte. Beide Künstlerinnen halten sich in ihren Werken an eine strenge Architektur, die bei Michèle Samter bei einigen an die konstruktive Kunst erinnernden Arbeiten gut ersichtlich ist. Pia Roths Objekte verbergen die Architektur der stabilisierenden Strukturen und spielen mit den Gegensätzen Fragilität und Widerstandsfähigkeit.

Die Werke der beiden Künstlerinnen erlangen ihre Bedeutung durch ihre Darstellung von Form, Farbe und Körper und geben dem Betrachter die Möglichkeit einer freien Interpretation. So entsteht in der Ausstellung durch die Gegenüberstellung eine interessante Spannung, die zu einem anregenden Dialog führt. 

Textile Kunst einst sehr verbreitet

Bereits Anfang Jahr konnte die seit bald 40 Jahren in Meilen lebende Textilkünstlerin ihre Werke in der Raiffeisenbank-Filiale in Meilen ausstellen. Schon immer faszinierte sie textiles Material als gestalterische Ausdrucksmöglichkeit. Als sie in den 1970er-Jahren für ein Jahr in New York weilte, begann sie zunächst hobbymässig textil zu arbeiten und brachte es in all den Jahren zur Meisterhaftigkeit. 

Textile Arbeiten wurden schon sehr früh in der Kunst angewendet und waren speziell während des Expressionismus und der Bauhauszeit sehr verbreitet. Aber die textilen Künstlerinnen und Künstler müssen bis heute um Anerkennung kämpfen. 

Die Kunst des Patchworks geht eigentlich auf die Zeit vor Christi Geburt zurück, spielte aber im 19. Jahrhundert in Amerika eine wichtige Rolle. Zu Tausenden wurden Menschen aus Europa zur Emigration nach Amerika und Südamerika gezwungen, aus religiösen und aus wirtschaftlichen Gründen. Auch die Schweizer Kantone zahlten ihren jungen Bürgerinnen und Bürgern ein Einweg-Billett für die Schiffsüberfahrt nach Amerika unter Deck und exportierten so ihre sozialen Probleme in andere Länder. Speziell die Amischen, die aus religiösen Gründen aus der Schweiz und aus Süddeutschland nach Amerika fliehen mussten, entwickelten Patchwork (Zusammennähen von Stoffstücken) und  Quilten (anschliessendes Steppen) bis heute zur Kunst und pflegen es heute noch. Da sie arm waren und die Winter in Amerika sehr kalt sind, zerschnitten sie alte, nicht mehr tragbare Kleider und nähten daraus Decken, um sich zu wärmen.

Recyclingkunst für an die Wand

Die Quilts, die Michèle Samter heute herstellt, sind sogenannte Applikationsquilts. Die Motive werden aus einem Stoff ausgeschnitten und auf einen Untergrund appliziert. Es ist Recyclingkunst. Altes wird nicht weggeworfen, sondern fragmentiert (zerschnitten), und man lässt daraus was Neues entstehen, ein Kunstwerk, das an die Wand gehängt wird. 

Michèle Samters Werke sind ein Spiel mit Farben und Formen. Sie bildet ganze Landschaften aus Kreisen, Quadraten, Rechtecken und Trapezen. Aber durch die Wahl der Stoffe und deren Farben und der Farbe des Untergrunds sieht der Betrachter neue Welten entstehen. Sie verwendet wunderschöne Grün-, Rot-, Blautöne und Mischfarben. Spannend ist auch zu erleben, wie ein schwarzer Untergrund die darauf genähte farbige Form beeinflussen kann.

Die in Wetzikon wohnhafte Objektkünstlerin Pia Roth erlernte in Winterthur den Beruf der Damenschneiderin. Anschliessend bildete sie sich an der  Schweizerischen Textil-, Bekleidungs- und Modefachschule in Wattwil weiter zur Textildesignerin und absolvierte an der m-art in Zürich eine gestalterische Grundausbildung. Heute erschafft sie Objekte aus teilweise alltäglichen Materialien. 

Bedrucktes Papier wird geschreddert, Bücher werden zerrissen, und daraus formt sie Objekte, die einerseits statisch und andererseits doch sehr belebt wirken. So blitzen an den Rändern die Farbreste des Bedruckten durch und verleihen dem Werk eine Dynamik. Ihre Arbeiten sind sehr fragil und doch widerstandsfähig, ruhig und dynamisch. Sie spielen aber auch auf eine sehr spannende Art mit Licht und Schatten. 

Besonders ersichtlich ist das im Raum links beim Betreten des Museums. Es entstand ein jungfräulicher Raum mit weissen Papierarbeiten, voller Unschuld, aber auch voller Spannung. Beeindruckend ist das Objekt, bei dem, wenn man es von links betrachtet, eine schwarze Schlangenbewegung sichtbar wird. Beim Betrachten von rechts sieht man eine braune Zackenlinie wie die Kontur einer Bergkette. 

Hinter den Arbeiten stecken ein unglaublicher Zeitaufwand und sehr viel Geduld. Das Zuschneiden der vielen Papiere sowie deren Bearbeitung bis zum fertigen Kunstwerk setzen viel Genauigkeit und ein klares Vorstellungsvermögen voraus. Jedes Werk muss vorher skizziert und auf der Skizze immer wieder überarbeitet werden.

Marmor und Alabaster im Drahtgeflecht

Für ihre Steinobjekte bildet Pia Roth zuerst ein Drahtgeflecht. Dann werden der Marmor sowie der Alabaster in kleine Rechtecke zerkleinert, und jedes Teil wird einzeln durchbohrt. Anschliessend müssen die Teilchen einzeln auf dem Geflecht befestigt werden. Die Objekte besitzen eine enorme Ausstrahlung. So schliesst sich auch hier der Kreis zum Fragmentieren: Ganzes wird von Pia Roth zuerst in kleine einzelne Teile zerlegt und dann wieder zu einem Neuen zusammengefügt. 

Die Vernissage von «Defragmentiert» im Ortsmuseum an der Kirchgasse 14 findet heute Freitag um 18 Uhr statt. Die Ausstellung dauert bis am 18. November, offen Samstag und Sonntag von 14 bis 17 Uhr.

xeiro ag