Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen

«Dass es auf der armen Erde... wieder einmal Pfingsten werde»

Welcher Wunsch verbirgt sich hinter den Worten dieses Kirchenliedes zu Pfingsten? Fragen wir, was damals geschah, fünfzig Tage nach Ostern. Die Jünger und Jüngerinnen von Jesus hatten sich zurückgezogen. Sie blieben zwar zusammen, aber sie wussten nicht, was aus ihnen werden sollte. Ein ziemlich ratloser, vielleicht auch etwas verängstigter Haufen von mittellosen Menschen aus der kleinen Provinz Galiläa.

  • Monet, Seerosen, 1908. Foto: zvg

1/1

Auf einmal ist alles anders

Und dann auf einmal dieses Feuer und diese Kraft, die von oben kam, die Geistkraft Gottes über und um und zwischen und in ihnen. Sie drängten hinaus; sie redeten in fremden Sprachen, so dass jeder, der aus einem fremden Land dort war, sie in seiner eigenen Sprache verstehen konnte. In ihrer Begeisterung fanden sie Worte für das, was von Gott her der Welt zugedacht war. Liebe anstatt Hass, Interesse anstatt Gleichgültigkeit, Vertrauen anstatt Verschlossenheit, Solidarität anstatt Abschottung, Freude anstatt Neid, Mut anstatt Angst. Das gab die Grundlage für die Kirche, welche für diesen Geist in der Welt einzutreten hat. 

Gegen den Rückzug

Wir leben in einer Zeit, in denen der Rückzug in die je eigene Blase, in der man sich einrichtet und auf das Zuhören und Nachfragen verzichten kann, Konjunktur hat. Und es heisst, die Gegensätze, beispielsweise zwischen Stadt und Land inklusive Agglomeration würden grösser oder die Verhärtungen zwischen den verschiedenen Religionen und gar Konfessionen seien grösser. Doch gleichzeitig ist ein ungeahntes und kraftvolles Aufbrechen zu erleben mit den vielen jungen Menschen, die es nicht zulassen wollen, dass ihnen ihre Zukunft geraubt wird. 

Zeugnis für die Liebe

«Il faut temoigner.» Das sei die Hauptbotschaft gewesen in ihrer kirchlichen Bildung als Kind und heranwachsende Frau im damals französischen Algerien, erzählte mir eine heute über 90-jährige Frau. Sie habe das lange nicht verstanden, doch mit der Zeit sei sie hineingewachsen in dieses Bezeugen, und sie strahlt es durch ihre ganze Haltung aus. Menschenfreundlichkeit und Grossmut leuchten in ihren Augen und ihren Worten und man glaubt wieder ein wenig mehr an das Gute im Leben, wenn man ihr begegnet. 

Fliessend wie das Licht

Der Geist von Pfingsten ist fliessend wie das Licht in Monets Seerosenbild. Er löst alles Erstarrte und Verengte. Und das ist es, was wir heute nötig haben, im Fliessen und Leuchten der je eigenen, bescheidenen und begrenzten Kräfte und im neuen Aufbrechen für eine gemeinsame Zukunft auf diesem einzigartigen Planeten. Ich wünsche mir, dass die Kirche auch heute von diesem Geist geprägt ist und diesen Geist in die Welt bringt. Und ich vertraue darauf, dass dieser Geist auch neben und vielleicht sogar manchmal trotz der Kirche in dieser Welt zu Werke ist. Frohe Pfingsten!

 

xeiro ag