Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen

Aus den Annalen des SOM

Beim Blättern und Lesen im Protokollbuch der Jahre 1899 bis 1918 des Orchestervereins Meilen finden sich nicht nur Notizen zum direkten Orchesterbetrieb, sondern auch weitergehende Notizen.

  • Die Protokolle (hier ein Beispiel von 1903) wurden sorgfältig von Hand geschrieben. Foto: zvg

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Immer wieder werden Ereignisse aus dem Umfeld von Orchester und Vereinsmitgliedern festgehalten, die Zeugnis geben vom zwischenmenschlichen Umgang vor über hundert Jahren. So werden beispielsweise die Vereinsmitglieder in den Notizen praktisch immer «Herr XY» genannt und nicht etwa mit Vornamen und Namen erwähnt. Wahrscheinlich war damals das Duzen mit deutlich mehr Hürden verbunden als in der heutigen Generation. Dass «Frau YZ» nie vorkommt, ist auch ein Zeitzeugnis, denn das Orchester war damals praktisch eine reine Männerdomäne. Im heutigen Ausschnitt aus den Annalen haben wir «Freud und Leid» herausgepflückt, es sind dies Hochzeiten, aber auch Trauerfälle, die es im Orchester gab. So war etwa das Jahr 1901 ein «heiratsfeudiges» Jahr.

18. April, 1901 Kirche Herrliberg. Hochzeit des Herrn E. Scheuermeier

«Heute hatten wir Familienfest! Unser Mitglied E. Scheuermeier musste unter dem Ehejoch durchkriechen. Diese schwere Aufgabe erleichterten wir ihm durch Musik. Wir spielten 2 Stücke.»

22. Juli 1901 Hochzeitsfeier des Herrn Otto Steiger in der Kirche Meilen

«Wiederum ist einer unserer Aktivmitglieder glücklich im Ehehafen gelandet. Unser ausgezeichneter Violinist Hr Otto Steiger hat gefunden, das Sprüchwort: 'Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei' treffe ihn in ganz besonderem Masse. Die Lösung hat er prompt gefunden. Wir hoffen dass die von uns vorgetragenen Stücke sein musikgeübtes Ohr nicht getroffen haben.

2. August 1901 Hochzeit des Herrn Egli in der Kirche zu Meilen

«Das Heiraten scheint in unserem Verein geradezu ansteckend zu werden. Auch unser Aktivmitglied Herr Egli nahm vom Junggesellenstand Abschied & trat zum Verbande der Ehemänner über. Natürlich wurde auch ihm der unvergessliche Tag durch Musik verschönert.»

26. Sept. 1901 Hochzeit des Herrn A. Keller in Wädensweil

«Von unserem Ehrenmitgliede, Herrn Lehrer Keller wurde der Wunsch geäussert, der O.V.M. möchte an seiner in Meilen stattfindenden Hochzeitsfeier 2 Stücke spielen. Dem Ansuchen wurde selbstverständlich bereitwilligst entsprochen. Als Dank dafür übermachte Herr Keller der Vereinskasse Frs. 30.–».

…und Todesfälle 

1903 muss das Orchester Abschied nehmen von einem offensichtlich verdienten Mitglied. Dies ist so festgehalten:«15. Februar 1903. Zum ersten Male seit seinem Bestehen steht der Orchesterverein heute im Zeichen der Trauer. Zum ersten Male gilt es, einem Ehren- und ehemaligen Aktivmitglied die letzte Ehre zu erweisen: – Herrn Brupbacher. Seit seinem kurz nach der Gründung des Vereins erfolgten Beitritt hat er demselben bis vor 2 Jahren als eifriger Spieler der zweiten Violine zur besonderen Zierde gereicht. Es machte immer einen ungemein lieblichen Eindruck auf den Zuhörer, wenn der silberhaarige, von der Last der Jahre gebeugte Greis inmitten seiner jungen Collegen munter und frisch den Bogen führte, geradezu bestimmend für die jüngere Generation waren der Eifer und die Zuverlässigkeit dieses ehrwürdigen Alten.

Nun sind die Saiten, die ihm, durch seine Hand belebt, so manche frohe Stunde bereitet hatten, verstummt, verwaist! Er hat noch die besseren Zeiten des Orchestervereins gesehen – er nahm sie mit ins Grab. Mit Chopins Trauermarsch brachten wir ihm ein ergreifendes Requiem.»

Einweihung der WMB

Speziell erwähnenswert ist in diesem Jahr 1903 auch die Aktennotiz vom 1. Oktober: Einweihung der Strassenbahn Wetzikon – Meilen. Diese Bahn war von 1903 – 1950 in Betrieb. Das Protokollbuch berichtet: «Auf Anfrage des tit. Gemeindepräsidiums war beschlossen worden, bei Anlass dieser Feier und während des Banketts im Löwen die hohen Gäste mit einigen Vorträgen zu unterhalten, was den auch geschah. Für unsere Mühe wurden wir mit einer kleinen Mahlzeit einigermassen entschädigt. Wie der übrige Teil des Zuges verlobt wurde, gehört nicht hierher.»

Die angefangene Frau

1904 ist dann wieder ein Jahr, in welchem sich Freud und Leid abwechseln. Bei den Hochzeiten wird erwogen, diese Tradition einzustellen: «Aktum d. 14. Mai 1904 …. Freund Rob. Pfister teilt mit, dass er seinen Herzkäfer am 28. Mai zum Traualtar führen werde. Unser Anerbieten, die Feier mit Musikvorträgen zu verschönern, nimmt er dankbar an. Auf Antrag des Herr Vögeli, es soll mit dem bisherigen Usus bei Hochzeitsanlässen Vereinsgeschenke zu überreichen ein für allemal gebrochen werden. Er meint, es sei das ein Stück Wurst nach einem Schinken geworfen & dem Beschenkten damit schlecht bedient. Er wird von der Versammlung unterstützt.» 

In der Folge lebt man aber offenbar diesem Ergebnis nicht nach: «Aktum, den 28. Mai 1904 Der O.V.M. ehrt sein Mitglied R. Pfister anlässlich seiner Hochzeit in der Kirche Herrliberg durch Vortrag zweier Orchesterpiecen. Die nachher von der 'schönen Rosa' kredenzte Erfrischung – Musik hat bekanntlich immer Durst – sei an dieser Stelle dem Spender bestens verdankt.» Am nächsten Tag, dem 29. Mai konzertiert der OVM im Obstgarten Herrliberg. Nun schreibt der Chronist «Es ist gewiss ein Opfer zu nennen, wenn man der Musik & dem OVM zu liebe seine erst 'angefangene' Frau im Stiche lässt. Mit den Eindrücken, die eben eine Hochzeitsnacht zurück lässt, erscheint unser Rob. Pfister als junger Ehemann im Schwarm unserer Musikanten.»

Chopins Trauermarsch

Auch ein Zeitzeugnis ist der Eintrag vom 17. Juli 1904: «Jean Schnorf ist nicht mehr! Überraschend kam für alle, die ihn kannten die schmerzliche Trauerkunde. Die bäumenden Wasser des Sees haben ein Opfer gefordert! Warum musste aber gerade er es sein, der Mann in der Blüte & Vollkraft seiner Jahre, der Stolz & die werdende Stütze seiner Eltern? – Wir betrauern ihn als lieben Kameraden, eifriges pflichtgetreues Vereins- & Vorstandsmitglied. Sei ihm die Erde Leicht!» … erwies ihm der O.V.M. durch Vortrag des Chopin’schen Trauermarsches seinem heimgegangenen Freunde die letzte Ehre.

Steinreiche Amerikaner

Auch 1908 lebt der Brauch der Hochzeitsmusiken weiter: «8. Mai 1908: Ein Streichquintett spielt zur kirchlichen Trauung von Jakob Vetterli 'Andante Cantabile' von Ganter und 'Andante con moto' von Dancla.

Actum den 5. August 1908: Ein aus Mitgliedern des O.V.M. zusammengesetztes kleines Orchester ergattert von hier weilenden 'steinreichen' Amerikanern Fr. 50.– zu h. der Vereinskasse.

Aktum 13. August 1908: Der O.V. ehrt sein Mitglied Gubelmann anlässlich dessen Hochzeitsfeier durch zwei treffliche Vorträge: 'Hochzeitsmarsch' aus Sommernachtstraum von Mendelssohn und 'Brautchor' aus Lohengrin von R. Wagner. Ferner begleitet das Orchester die Hochzeitsgesellschaft auf seiner Seerundfahrt und – um das Mass der Opferfreudigkeit vollzumachen – ersetzt man dem Kollegen auch noch die flotteste Tanzmusik.» Offenbar ist der Bräutigam an dieser Hochzeit der Chronist selber, denn er hält im Folgenden fest: «Schreiber ds muss all diese ausserordentl. Leistungen als unverdiente Bevorzugung hinnehmen & sich heute den Vorwurf machen, dass er, indem er die frdl. Offerte annahm, die Liebenswürdigkeit seiner Kameraden ungehörig misbraucht habe. Er kann deshalb nicht umhin, sie um Entschuldigung bitten. Anderseits fühlt er sich ihnen zu aufrichtigem herzlichen Dank verpflichtet. Nie zuvor hat ihn die Musik so tief ergriffen, wie damals, als ihre Töne durch die Kirche rauschten, noch hat er jemals gewusst, dass wahre, edle Musik herzlichere Empfindungen auslösen kann als der beredtste Mund.»

Mit diesem Zitat finden wir uns wieder in der Welt von 2019: Auch heute kann die Musik oft mehr ausdrücken als das Wort!

xeiro ag