Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen

Als in Meilen noch Waren produziert wurden

Verschwundene – und zum Teil bereits vergessene – Meilemer Fabriken und Industrien sind das Thema der neuen Ausstellung im Ortsmuseum. Am Freitag letzter Woche wurde die informative und professionell gestaltete Schau eröffnet; sie dauert bis am 26. April.

  • Kurator Michel Gatti begrüsste die Vernissagegäste im Ortsmuseum. Fotos: MAZ

  • Die Ausstellungsmacher Edgar Hiltebrand, Michel Gatti und Ralph Weingarten mit Gemeindepräsident Christoph Hiller (v.l.).

  • Es sind an der Ausstellung jeweils Firmenvertreter und Experten zu Gast und erzählen von früher, wie hier Georgette Bühlmann.

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Ein Bleiwerk, eine Rosshaarspinnerei, eine Gerberei mit vierzig Angestellten, eine «graphische Anstalt»… das alles und ein gutes Dutzend weiterer Fabriken gab es einst im Dorf Meilen, das vor hundert Jahren als bedeutender Industriestandort galt – heute kaum mehr vorstellbar. 

Umso interessanter ist die Ausstellung, in der ein Grossteil dieser verschwundenen Fabriken und Industrien mit kurzen Texten, mit vielen Fotos, Belegen, Urkunden und auch mit handfesten Materialien und Exponaten wieder auflebt. Die zahlreich erschienenen Vernissagegäste konnten Postkarten, Pumpen, Kaffeedosen, Lederwaren, Matratzenfüllungen, Möbel, Werkzeuge und vieles mehr besichtigen, alles «made in Meilen».

Exponate aus Nachlässen und dem Landesmuseum

Begrüsst wurden die Gäste von Michel Gatti, Kurator des Ortsmuseums. Die «Industrieausstellung» war seine Idee, praktische Unterstützung fand er bei Ausstellungsmacher Ralph Weingarten, der auch für die Dauerausstellung im ersten Stock verantwortlich zeichnete, und bei Stiftungsrat Edgar Hiltebrand. Das Dreierteam scheute trotz teilweise dürftiger Dokumentationslage keine Mühen, so wurden Nachfahren von Fabrikeigentümern kontaktiert und um Beiträge gebeten, Ausstellungsstücke beim Schweizerischen Nationalmuseum («Landesmuseum») angefordert, und man schleppte unter anderem eine 200 Kilogramm schwere Hagelkanone von Häny Pumpen – sie wurde 1930 produziert und diente der Hagelabwehr im Rebbau – in den Gewölbekeller. Michel Gatti bedankte sich auch ausdrücklich bei Grafikerin Sonja Greb und bei den Sponsoren, ohne die die Ausstellung nicht möglich gewesen wäre.

Eine exemplarische Entwicklung

Es ist eine Ausstellung, die in zweierlei Hinsicht über sich hinausweist. Zum einen ist die Entwicklung des Dorfes Meilen weg vom Industriestandort exemplarisch, sagte Ausstellungsmacher Ralph Weingarten. Im ganzen Land sind durch den Strukturwandel in den letzten fünfzig Jahren Industrien verschwunden, die einst aus Handwerksbetrieben heraus entstanden sind, zum Beispiel im Textil- oder Holzgewerbe. Die stattdessen entstandenen KMUs mit Nischenprodukten sind wenigstens ein kleiner Ersatz.

Zum anderen steht Meilen im März vor einer Weichenstellung, wie Gemeindepräsident Christoph Hiller in seinem Grusswort erklärte: «Damit in ein paar Jahren nicht noch mehr Meilemer Industrie- und Gewerbe-Geschichte nur noch im Museum zu sehen ist, gilt es, die richtige Politik zu machen und den noch bestehenden Industrie- und Gewerbezonen Sorge zu tragen.» Ab dem 2. März werden die Meilemerinnen und Meilemer an mehreren Gemeindeversammlungen über die neue Bau- und Zonenordnung abstimmen, und der Gemeinderat schlägt vor, dass mit raumplanerischen Massnahmen dafür gesorgt wird, dass die Arbeitsplätze in der Industrie erhalten werden können. 

Meilen werde als Wohngemeinde immer attraktiver, sagte Christoph Hiller, aber es werde auch zunehmend schwierig, auf dem teuren Goldküsten-Pflaster für Arbeitsplätze zu sorgen, damit das Dorf lebendig bleibt und nicht zur Schlafstadt wird. Zwar arbeiten auch heute noch rund tausend Personen in sogenannt produzierenden Betrieben, davon gehen aber zwei Drittel auf das Konto der Midor. Deren Bekenntnis zum Standort Meilen – abzulesen an diversen grossen Investitionen – bereitet dem Gemeindepräsidenten Freude.

Handstand auf dem Fabrikkamin

Jenseits von politischen Überlegungen freuten sich die Anwesenden darauf, die Ausstellung genauer unter die Lupe zu nehmen. Es sind jeweils auch Vertreter der ehemaligen Firmen sowie Experten zu Gast (Liste online unter www.ortsmusem-meilen.ch), die gerne Auskunft geben oder in ihren Erinnerungen kramen und so für ein ganz spezielles Museumserlebnis sorgen. Wie das geht, demonstrierte am Freitag spontan die 90-jährige Georgette Bühlmann, Enkelin von Alois Fischer, der ab 1913 in Feldmeilen ein Bleiwerk führte, wo Arbeiten für die chemische und pharmazeutische Industrie erledigt wurden. Sie war eigens für die Vernissage von Genf angereist und erzählte beispielsweise, dass ihr Vater – Alois Fischer junior – eigentlich lieber Zirkusartist geworden wäre. Einmal sei er auf den Fabrikkamin der Kaffee Hag AG geklettert und habe dort einen Handstand gemacht.

Dieser Kaffee Hag AG, die längst von einer amerikanischen Firma übernommen wurde und aus Feldmeilen weggezogen ist, ist ein ganzer Raum im Erdgeschoss gewidmet. Ebenfalls einen eigenen Raum erhielten zwei ehemalige Meilemer Möbelfabriken. Die Aeschlimann AG direkt gegenüber dem Bahnhof Meilen prägte das Gesicht des Dorfs vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis Ende der 1970er-Jahre, die von Emil Borbach im «Wasserfels» gegründete Möbelfabrik produzierte 1892 bis 1970.

Zum Abschluss der Vernissage lud Michel Gatti in den ersten Stock  des OMM zum Apéro, der von Stiftungsrätin Fiona Hodel üppig und liebevoll vorbereitet und angerichtet wurde. Es galt also auch hier: Alles «made in Meilen»!

«Industrieausstellung» im Ortsmuseum, Kirchgasse 14, noch bis  26. April. Offen Samstag/Sonntag 14.00 bis 17.00 Uhr. Geschlossen 8. bis 23.Februar und an Ostern.

1. Februar, 13.45 Uhr im Foyer des «Löwen»: Virtueller Dorfrundgang mit Hans Isler.

26. Februar, 19.30 Uhr im Ortsmuseum: Vortrag zum Thema Gerberei mit Walter Hottinger.

xeiro ag