Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen

Es geht um die Lösung zukünftiger Probleme

Ab Sommer 2018 wird im Kanton Zürich nach dem neuen Lehrplan 21 unterrichtet. Am Donnerstag letzter Woche war Prof. Rolf Gollob von der Pädagogischen Hochschule in Meilen zu Gast. Der studierte Ethnologe machte beste Werbung für den umstrittenen Lehrplan.

  • Rolf Gollob von der Pädagogischen Hochschule Zürich hielt seinen Vortrag in der voll besetzten Aula der Sekundarschule Allmend. Foto: MAZ

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Rektor Jörg Walser zeigte sich überrascht: «Ich hätte nie gedacht, dass fast 200 Personen an unseren Infoabend kommen», sagte er in der Aula der Sekundarschule vor voll besetzten Stuhlreihen: Die Schule und die bevorstehende Ablösung des heutigen Lehrplans – er stammt aus dem Jahr 1991 – interessiere offenbar.

Die Frage ist, wie Menschen heute lernen

Dem neuen Lehrplan 21 stehen sowohl pädagogische als auch politische Vorbehalte gegenüber. Im Kanton Zürich ist sogar die Volksinitiative «Lehrplan vors Volk» (siehe Kasten) zustande gekommen, über die am 4. März abgestimmt wird, und die vorsieht, dass der Kantonsrat den Lehrplan 21 genehmigen muss. Rolf Gollob von der Pädagogischen Hochschule sah sich also einer bestimmt nicht nur unkritischen Zuhörerschaft gegenüber, die es nun von der Notwendigkeit und den Vorzügen des neuen Lehrplans zu überzeugen galt.

Sein Referat behandle nicht die Frage, wie der Lehrplan 21 konkret eingeführt werden soll, sondern warum es ihn brauche, sagte er: «Ich werde nun als erstes 200‘000 Jahre benötigen, um aufzuzeigen, wie Menschen lernen.» Der studierte Ethnologe und ehemalige Lehrer hatte die Zuhörerinnen und Zuhörer mit persönlichen Anekdoten aus seinen Erfahrungen in der Schule und mit selbstironischen Anspielungen bald auf seiner Seite, argumentierte zudem nachvollziehbar und packend. 

Kompetent für die unbekannte Zukunft

Die Hauptaussage: Wir leben heute in einer Innovationsgesellschaft. Das heisst, wenn wir das Wissen und das Können unserer Vorfahren kritiklos übernehmen, ist, ethnologisch gesehen, das Überleben der Gruppe (sprich der Gesellschaft) in Gefahr. Es ist deshalb absolut entscheidend, dass wir kompetent werden für eine – zugegeben unbekannte – Zukunft. Noch vor wenigen Generationen war das Gegenteil der Fall: Das Überleben der Gesellschaft war dann in Gefahr, wenn wir das Wissen und das Können der Vorfahren nicht übernahmen. 

Auf die Schule gemünzt heisst das, dass der neue Lehrplan «kompetenzorientiert» sein muss. Im Zentrum kann also nicht mehr nur das Wissen und Können der Vorfahren stehen, sondern die Schülerinnen und Schüler müssen lernen, mit den Fähigkeiten und Fertigkeiten, die ihnen vermittelt werden, konkrete Probleme zu lösen. In einer Innovationsgesellschaft wie unserer eben auch solche, die man heute noch gar nicht kennen kann. «Die Kinder sollen also nicht verzweifeln, wenn sie vor einer schwierigen Aufgabe stehen, denn sie haben ja in der Schule gelernt, es hinzubekommen», erklärte Gollob: «Sie sind bereit, das Problem anzugehen und so lange zu knobeln, bis sie es gelöst haben.» Oder anders gesagt: Die Kinder werden fit gemacht für zukünftige gesellschaftliche, persönliche, ökonomische und andere Problemstellungen.

Die Lehrer stehen weiterhin im Zentrum

Kompetenzen – sie bilden das Herzstück des Lehrplan 21 –, bestehen aus Wissen, Können und Wollen. Das bedeute, sagte Gollob, dass die Kinder «auch weiterhin nach Hause kommen und sagen, ‚wir haben heute die Kuh durchgenommen‘». Zusätzlich muss aber auch die so genannte Performanz vorhanden sein, was mit «angewandter Kompetenz» oder gezeigter Leistung übersetzt werden kann. Das bedeutet, dass man nicht nur französisch sprechen könnte, wenn man es denn wollte, sondern dass man es eben auch tatsächlich schafft, in Frankreich ein Brot zu kaufen.

Lehrpersonen haben unter dem Lehrplan 21 weiterhin eine zentrale Rolle inne, sagte Gollob: «Sie sind sogar wichtiger denn je.» Ihre Aufgabe ist es, spezifische Inhalte so auszuwählen, dass die erwünschten Kompetenzen daran erworben oder gefestigt werden können, wofür sie entsprechende Lerngelegenheiten schaffen: «Das heisst, dass der Unterricht für die Kinder herausfordernd, ja frustrierend sein kann. Gleichzeitig soll er fehlerfreundlich sein, denn wer keine Fehler macht, lernt im neuen Feld nichts.» 

Als Beispiel für eine fehlerfreundliche Lernumgebung nannte Gollob das Laufenlernen. Die Schrittchen des Babys würden wohlwollend begleitet und kommentiert. Fällt das Kind um, ermutigt man es, aufzustehen und weiter zu probieren. «Da sagt man auch nicht ‚du bist ungenügend! Schon wieder gestolpert!’»

Fragen und Antworten auf der Website der Schule

Soweit also die Theorie. Nach knapp anderthalb Stunden wandte sich Rektor Jörg Walser, der den Lehrplan mit der Lehrerschaft ab kommenden Sommer in die Praxis umzusetzen hat, wieder an die Zuhörer: «Der neue Lehrplan ist komplex und fordert uns bereits seit geraumer Zeit.» auch die Schule Meilen habe dazu noch Dutzende von Fragen, nicht zuletzt bezüglich der Beurteilung der Kinder. Auch das Publikum war nun dazu aufgefordert, Fragen auf bereitliegende Blätter zu schreiben. Alle Fragen und die Antworten dazu werden nach den Sportferien auf der Website der Schule Meilen aufgeschaltet.

 

Abstimmung über den neuen Lehrplan

Der Bildungsrat des Kantons Zürich hat die gestaffelte Einführung des Lehrplan 21 im Sommer 2018 (Kindergarten bis 5. Klasse) und im Sommer 2019 (6. Klasse und Sekundarstufe) beschlossen. Auch ein Ja zur Initiative «Lehrplan vors Volk» am 4. März würde seine Einführung nicht verhindern. Sollte die Initiative im Volk eine Mehrheit finden, würde es Jahre dauern, bis ein neuer Lehrplan ausgearbeitet wäre.

xeiro ag