Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen

Eine Meilemer Familie macht den Unterschied

Storys von Auswanderern, die in der Ferne ein neues Leben aufbauen, füllen ganze TV-Abende. Auch Meilen hat eine Goodbye-Switzerland-Geschichte. Es ist die berührende Erfolgsgeschichte einer Familie, die in ihrem Sehnsuchtsland Südafrika Gutes tut.

  • Die Meilemer Auswandererfamilie Wenger (v.l): Daniel Kern, Connie Kern-Wenger mit Sohn Liam, Roland Wenger, Sibylle Wenger, Mario Bürli und Samuel Wenger. Fotos: MAZ

  • In der Schreinerei des Skillcenters werden auch Mädchen ausgebildet.

  • Bei Geschicklichkeitsspielen lernen die Schülerinnen und Schüler, im Team zu handeln.

  • Roland Wenger zu Besuch in der Schlosserei.

  • Viele Kinder aus den Townships besuchen diese Schule. Sie werden dank des Vereins Ayoba begleitet und unterstützt.

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Der ehemalige Swissair-Pilot Roland Wenger war in Meilen Schul- und Kirchenpfleger und führte mit Unterstützung seiner Frau Sibylle ein Ingenieurbüro, als das Ehepaar vor rund zehn Jahren beschloss, auszuwandern. 

Wohin, war klar: Bereits vor Jahren hatten sich Wengers auf einer Reise unsterblich in Südafrika verliebt und auch die Ferien immer wieder dort verbracht. Die Idee, eine zum Verkauf stehende Bananenfarm zu erwerben und zu bewirtschaften, reifte langsam und wurde schliesslich zum Entschluss: «Wir wollten unseren ‚dritten Lebensabschnitt’ in Margate verbringen», sagt Sibylle.

Von der Bananenplantage zum Camp

Margate ist eine Gemeinde an der Ostküste Südafrikas, rund 100 Kilometer oder eine gute Autostunde südlich der Stadt Durban gelegen, in einer grünen, subtropischen Gegend. Im Osten grenzt Margate an den indischen Ozean, im Landesinnern prägen sanfte Hügel, Urwald, kleine Seen und Flüsse das Bild. Dennoch ist die Gegend bei Touristen wenig bekannt. Aber Wengers hatten auch nicht vor, ein Hotel oder eine Lodge zu eröffnen, sondern ihre Pläne reichten weiter.

Als erstes heuerten sie 2008 für die Bananenplantagen von Sweetdale einen Verwalter sowie Arbeiter an, dann stellten sie in wenigen Monaten auf der Farm ein Camp auf die Beine – die Keimzelle des heutigen «Sweetdale». Denn es handelte sich von Anfang an nicht um ein Ferienresort, sondern um ein Angebot für Schulklassen, Lehrer, Unternehmen, Kirchen und andere Gruppen, die in der freien Natur so genannte «Outdoor Education» erleben wollen. Damit sind teambildende Spiele gemeint, bei denen Mut, Geschicklichkeit und Einfühlungsvermögen gefragt ist. Erlebnisse im Kletterpark im Wald oder am Ufer des «hauseigenen» Flüsschens stärken die einzelnen Teilnehmenden und schweissen ihre Gemeinschaft stärker zusammen, zumal die Aufenthalte oft mehrere Tage dauern, mit Aufenthalt in einfachen Gästezimmern. 

Von Anfang an mit Einheimischen

Insgesamt sind es inzwischen fast hundert Posten mit Spielen und kniffligen Aufgaben, die es in der Gruppe zu lösen gilt. Die meisten hat Ingenieur Wenger – er steht inzwischen im Pensionierungsalter – selber entworfen und teilweise auch mit aufgebaut. 

So gibt es beispielsweise einen Seilparcours, bei dem, zwei Meter über Boden, verschiedene Hindernisse überwunden werden müssen, was nur möglich ist, wenn das Team geschickt zusammenarbeitet und kreative Lösungen entwickelt. Selbstverständlich sind die Teilnehmenden dabei doppelt gesichert.

Von Anfang an beschäftigten die Wengers auch «Locals», also Einheimische, im Camp, und bildeten sie zu Leitern aus. «Dabei wurden wir früh mit der Problematik der Aids-Waisen konfrontiert», erzählt Roland Wenger. Denn unweit des Camps sind zahlreiche Townships, Siedlungen von Wellblechhütten, wo Menschen in bitterer Armut leben, oft in Grossfamilien, die nur aus Kindern bestehen, weil die Eltern an Aids gestorben sind. «Diese Kinder kennen kaum normale Tagesstrukturen und sind ganz auf sich selber gestellt», sagt Sibylle Wenger, «und auch ihre Schulen sind äusserst bescheiden gebaut und eingerichtet.»

/ Viele Kinder sind auf sich selber gestellt.

Wengers wollten helfen. Und so wurden sie gemeinsam mit ihren lokalen Trainern, die oft selber aus einem der Townships stammen, tätig. Sie liessen Dächer flicken, erstellten zusätzliche Schulräume, coachen die Lehrer und begleiten die Kinder persönlich, natürlich alles ehrenamtlich. Ganze Schulklassen aus den ärmeren Gegenden dürfen zudem das Camp besuchen und von den erlebnispädagogischen Spielen profitieren. 

«Ayoba» finanziert das Schulprogramm

«Das Schulcamp ist finanziell selbsttragend», erklärt Roland Wenger, «die Arbeit in den Townships muss über Spenden finanziert werden.» Dafür wurde in Meilen der Verein «Ayoba» gegründet, der jährlich 60'000 Franken zusammenträgt. Mit diesem Geld wird das Schulprogramm für benachteiligte Kinder finanziert. 

Hier werden die Kinder auch in ihrer Persönlichkeit geschult, in einem «Dreambook» beschreiben sie eine für sie persönlich interessante und lebenswerte Zukunft. Coaches begleiten sie und helfen dabei, dass sie realistisch erreichbare Ziele erreichen. Zudem lernen sie, gewisse Hygienestandards einzuhalten, im eigenen Garten erfolgreicher als bisher Lebensmittel anzubauen und für sich selber und die Gemeinschaft zu sorgen. 

/ Mit dem «Dreambook» werden Träume wahr.

Erste Erfolge sind bereits sichtbar. In den Townships, in denen Mitarbeiter von Sweetdale präsent sind, gibt es immer weniger Wellblechhütten und immer mehr gemauerte Häuser, die Gärten sind gepflegter, und die Kinder legen Wert auf gute Ausbildung.

Auch nach Abschluss der Schulbildung kümmern sich die Wengers um ihre Schützlinge. Vor einem Jahr haben sie begonnen, ein «Skillcenter» aufzubauen. Hier erhalten die Schulabgänger eine Grundausbildung als Elektriker, Schreinerin, Metallschlosserin, Sanitärinstallateur oder Farmer, was ihre Chancen auf eine Anstellung enorm erhöht, auch wenn die Kurz-Lehre nur ein Jahr dauert. Denn Ausbildungen oder Lehrstellen, wie wir sie kennen, gibt es in Südafrika sowieso nicht, und ausgebildete Handwerker sind Mangelware. Manchmal kommen sogar Viert-Lehrjahr-Stifte aus der Schweiz zu Besuch, um ihren Kollegen in Südafrika zu zeigen, wie sie arbeiten. 

Auch die nächste Generation macht mit

Die Kinder von Roland und Sibylle, Connie und Samuel, packen ebenfalls mit an: Sie sind mit ihren Partnern nach Margate gezogen und bauen im Camp ein Restaurant und Cateringunternehmen auf, wo lokales Personal ausgebildet wird. Auch dieses Unternehmen wird mittelfristig selbsttragend sein. «Unsere Devise lautet: Wir wollen die Menschen in die Selbständigkeit führen», sagt Roland Wenger. Also sollen sie diese auf Sweetdale auch erfahren. Nur die Bildung kostet einen Extrabatzen, aber das ist in der Schweiz ja auch nicht anders. 

/ Das Ziel lautet: Selbständigkeit.

Wer das Glück hat, einmal einen Tag oder zwei auf Sweetdale zu verbringen und sich von Roland Wenger herumführen lässt, kann nicht anders, als tief bewegt dieses Camp zu bewundern.

xeiro ag